„Die Menschen und wir geben grundsätzlich nicht auf. So sieht die Realität in Gaza aus!“

Dokumentiert von Rote Fahne News – Macht das Interview in euerer örtlichen Gaza-Soli-AG bekannt!

Am heutigen 15. Mai ist der Nakba-Tag. Ein Tag, an dem die Solidarität mit dem Freiheitskampf des palästinensischen Volks auf der ganzen Welt intensiv begangen wird. Der Solidaritätspakt zwischen der revolutionären Weltorganisation ICOR und dem Al-Awda-Gesundheitsnetzwerk in Gaza ist ein ganz wichtiger Baustein der nachhaltigen und perspektivischen Palästinasolidarität.

Sie wird nicht eher ruhen, bis die bis heute andauernde Nakba beendet sein wird!

Umso mehr freuen wir uns, dass wir am heutigen Nakba-Tag aus erster Hand von der Arbeit der Al-Awda-Kolleginnen und -Kollegen berichten können – dank eines Video-Calls, der gestern stattgefunden hat. Aus Gaza nahmen Dr. Raafat Al-Majdalaawi und Jihan Al-Aqloub von der Al-Awda Association teil, aus Deutschland Monika Gärtner-Engel, die Hauptkoordinatorin der ICOR; Yaffa, Peter und Hashem Qasem, Aktivisten der Solidaritätsorganisation „Palästina muss leben“, und Jan Specht, Stadtverordneter von AUF Gelsenkirchen.

Die medizinische Situation ist sehr schlecht

Rafaat und Jihan berichten: 18.000 Patienten warten darauf, Gaza zu verlassen. Darunter sind nicht nur Verwundete, sondern auch chronisch Kranke und Krebs-Patienten. Sie können in Gaza nicht behandelt werden, weil 28 von 32 Krankenhäusern komplett zerstört sind. Die israelische Besatzung lässt aber nur 50-70 Patienten täglich raus. Sie behaupten, dass der Grenzübergang Rafah offen ist, aber das ist nicht wahr. Es gibt Abschätzungen, wonach auf jeden durch Bombardierung Getöteten vier Kranke kommen, die sterben werden, weil sie keine Behandlung bekommen. Die israelische Besatzung verhindert die Einfuhr von einem großen Teil an Medikamenten. Es kommen nur sehr wenige.

Wir versorgen täglich 3500 Menschen

Verboten ist auch die Einfuhr von allen medizinischen Geräten, aber auch von Bandagen und ähnlichem. Alle Geräte, die Strom oder Energie erzeugen, wie Generatoren oder Solaranlagen werden nicht hineingelassen, aber auch kein Motoröl für Autos, nicht einmal Reifen. 1 Liter Autoöl hat früher 4-5 Dollar gekostet – heute kostet ein Liter 700 Dollar. 1 Autoreifen hat früher 100 Dollar gekostet, heute kostet einer 3.500 Dollar. Diese Situation ist sehr schwierig. Als Al-Awda haben wir zu viele Herausforderungen, aber wir machen weiter. Wir haben zwölf Gesundheitszentren im Norden von Gaza an der Grenze, in Nuseirat, aber auch in Ost-Gaza, im Zentrum und auch im Süden. Wir arbeiten mit paar guten Partnern zusammen, und leisten Dienste für 3.500 Menschen täglich durch Medikamente, Behandlungen oder Operationen.

Mit euren Spenden konnten wir unsere Krankenwagen reparieren

Al-Awda ist die größte zivile Gesundheits- und Hilfsorganisation. Wir haben Geld von euch bekommen und wir haben es verwendet, um unsere Krankenwagen zu reparieren. Wir haben 13 Krankenwagen, von denen 10 kaputt waren und wir vier wieder reparieren konnten und auf den Betrieb mit Öl umgerüstet haben. Allein 140.000 Dollar waren notwendig, um die Autos zu reparieren. Ohne diese Autos könnten wir nicht arbeiten. Langsam funktionieren sie wieder, aber es gibt keine Ersatzteile, Reifen oder Motoröl. Vier funktionieren jetzt, die anderen mal so, mal so. Wir haben nächsten Mittwoch eine erste medizinische Konferenz, die die medizinische Situation untersuchen wird. Alle Organisationen, die mit Medizin zu tun haben, wie auch die Medizinstudenten, Professoren, usw. sind daran beteiligt. Ihr seid herzlich willkommen, online dabei zu sein oder ein Grußwort zu halten. 90% der Teilnehmer werden aus Gaza sein und dazu ein paar Gäste von außerhalb.

Ratten sind eine reale Bedrohung für das Leben

Das Leben ist sehr schwierig. 1,8 Millionen Menschen leben in Zelten. Ein neues Phänomen ist, dass sich Ratten in astronomischen Zahlen ausgebreitet haben. Zum ersten mal sind die Ratten eine reale Bedrohung für das Leben, ebenso wie streunende Hunde. Es vermehren sich auch Insekten, die wir vorher niemals gesehen haben. Das sind neue große Probleme, die wir vorher nicht gekannt haben. 1,5 Millionen Menschen werden mit Essen von Hilfsorganisationen über Küchen versorgt. Aber sie können nur Reis und Linsen als Essen ausgeben. Das verursacht auch Probleme und Mangelerscheinungen. Es kommt nur sehr wenig Obst und Fleisch nach Gaza, auch Süßigkeiten gibt es kaum. Nur 5% der Bevölkerung können sich das kaufen, 95% nicht. Die Probleme mit der Wasserversorgung sind sehr schlimm, weil 86% der Brunnen kaputt sind. Israel erlaubt keine Baumaschinen, um diese zu reparieren. Die ganze Umgebung ist voller Müll, der im Osten von Gaza entsorgt wird und diese Deponien und Schutthaufen immer mehr nach Gaza reinwachsen.

Die Menschen müssen auf einer immer kleineren Fläche leben

Die Menschen sind gezwungen, auf einer immer kleineren Fläche innerhalb der gelben Linie zu leben. Es gibt auch seit mehr als drei Jahren keinen Strom. Eine Kilowattstunde hat früher 20 Cent gekostet, jetzt kostet eine Kilowattstunde 12 Dollar. Es gibt keinerlei Stromversorgung, sondern nur willkürlich verteilte Generatoren. Diese erreichen nur 15% der Bevölkerung und das auch nur für wenige Stunden. Auch die Bildung ist ein großes Problem. Es gibt kein Internet, um Online-Unterricht zu machen. Die Schulen sind entweder zerstört oder mit Flüchtlingen belegt. Sie versuchen jetzt zumindest an zwei Tagen pro Woche Unterricht zu geben; die Schüler rotieren dann. In Bezug auf die Wiederaufbaupläne passiert überhaupt nichts und die Palästinensische Autonomiebehörde darf nichts machen. Die EU verlangt von der Autonomiebehörde Bedingungen, und solange diese nicht erreicht sind, dürfen sie nichts machen. Die Hamas ist illegal und darf nichts machen. Wenn sie in Erscheinung tritt und sei es zum Beispiel nur als Polizisten, dann werden sie bombardiert. Vom sogenannten Peace Board von Trump hat Gaza nichts erreicht und die Leute vertrauen auch niemandem mehr. Es ist ein Schwarzes Loch, es gibt keine Perspektive, keine offenen Grenzen und keine Bildung. Das Leben stockt.

Aber die Menschen und wir geben grundsätzlich nicht auf

So sieht die Realität in Gaza aus. Mein Gefühl ist, dass die internationale Solidarität zurückgegangen ist. Man sieht zwar die Boote von der International Sumud Flotilla, aber ihnen wird nicht erlaubt anzukommen. Viele verlieren die Hoffnung, weil sich die Realität nicht ändert. Die Bombardierungen sind zwar weniger geworden, aber sie finden immer noch täglich statt. Täglich sterben Menschen oder werden verwundet. Vielleicht ist die Solidaritätsbewegung auch zurückgegangen, weil Israel ein falsches Bild zeichnet. Sie behaupten, der Krieg sei zu Ende und die Grenzen seien offen. Das ist natürlich falsch. Die Grenzen sind fast dicht. Israel erlaubt nur sehr wenige Güter hinein und nur sehr wenige Verwundete dürfen rausgehen. Die Hälfte der Ausreisenden wird abgelehnt, obwohl sie es vorher beantragt haben.

Eure Aktivitäten und Solidaritätsvideos sind sehr wichtig für uns

Jede kleine Aktivität, wie ihr von den Kindern der Rotfüchse berichtet habt, hinterlässt einen großen positiven Eindruck. Jede Aktion, jeder Anruf, jede Demonstration oder Konferenz, egal wie klein, gibt den Leuten etwas Hoffnung. Wir brauchen schon ein Wunder, um Israel und die USA unter Druck zu setzen, dass sich die Situation ändert. Da ist die offizielle Ebene, aber auf der Ebene der Völker gibt es den Leuten Mut. (An dieser Stelle berichten die Aktivisten von „Palästina muss leben“ über verschiedene Seiten der Arbeit in Deutschland) und die Freunde in Gaza sagen dazu: „Hashem, deine Worte wiegen schwer und gehen ins Herz. Du redest nicht nur mit der Zunge, sondern mit dem Herzen. Der Imperialismus wird besiegt werden. Wir haben euch allen zugehört, was an Solidaritätsaktivitäten gemacht wird. Ich bestehe darauf, dass jede einzelne, noch so kleine Aktion sehr wichtig ist, sogar strategisch wichtig. Ihr zeigt Moral und ihr hebt die Moral.

Die Solidarität von Menschen, die „hinter den Meeren leben“ ist eine so gute, eine noble Sache

Vielen Dank für die Informationen. Eure zehn Fragen für die Vorbereitung der Brigaden sind wichtig und wir werden sie hoffentlich in paar Tagen beantworten. Wir werden auch eine Videobotschaft für das Pfingstjugendtreffen organisieren. Al-Awda verlangt keine hohen Summen für die medizinische Behandlung. Wir haben zwölf Erste-Hilfe-Zentren, die ihre Dienstleistungen umsonst anbieten: Beratung, Laboruntersuchung, Behandlung oder auch Versorgung durch Krankenschwestern. 26 einzelne Dienstleistungen in den Krankenhäusern sind komplett kostenlos: Geburten mit oder ohne Kaiserschnitt, Operationen für Frauen, allgemeine Operationen, Knochenoperationen, Notaufnahme. Für eine erste Untersuchung nehmen wir einen Dollar. Wir haben eine eigene Apotheke, wo 720 Medikamente erhältlich sind. 420 davon sind kostenlos und für 300 weitere gibt es symbolische Gebühren, die 30-40% vom Originalpreis betragen. Für Untersuchungen wie Darmspiegelung oder Magenspiegelung müssen wir Geld nehmen. Wir geben auch Nahrung an Schwangere oder stillende Mütter kostenlos ab. Für die nächtliche Unterbringung gibt es keine Gebühren.

Wir möchten gerne bald wieder mit euch sprechen, in weniger als sechs Wochen. Wir schicken euch den Link für die medizinische Konferenz am Mittwoch. Herzliche Grüße an euch alle und eine Umarmung.

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