Published on Juni 13th, 2021 | by Magazin

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Interview mit 3 Klimacamp-Aktivisten aus Reutlingen

Was sind eure wichtigsten Anliegen mit der Aktion?

Lena*: unsere Hauptforderung ist, dass die Stadt Reutlingen mit all ihren Tochterunternehmen bis 2030 klimaneutral wird und dass sie den Klimanotstand ausruft, um damit deutlich zu machen, wie dramatisch die Klimakrise ist.

Wie haben die Passanten bisher reagiert?

Björn*: ganz unterschiedlich. Manche meinten, dass das eine super Aktion sei und haben uns auch Erdbeeren o.ä. vorbeigebracht. Es gab auch ein paar, die gemeckert haben, dass das eh‘ nichts mehr bringen würde. Warum wir nicht einfach in die Stadt gehen und Müll sammeln. … Aber das ändert dann halt das Problem nicht.

Die fff-Bewegung hat ganz viel bewegt. Keiner kommt ja mehr an der Umweltfrage vorbei. Seit Corona hat sich die Bewegung aber ziemlich zurückentwickelt. Was denkt ihr, wie sie wieder eine richtig große Bewegung wird?

Lena*: Wir planen gerade eine große Demo am 11.6. … , coronagerecht mit Abstand, mobilisieren, dass viele Leute kommen. Prinzipiell ist es schwierig zu sagen, wir demonstrieren einfach immer weiter, weil das nicht mehr so viele Leute anzieht. Klimacamps sind ein Zusatzding, was es jetzt auch in vielen Städten gibt. Und das wirklich viel bewegen kann, weil man die Kommunalpolitik direkt nervt die ganze Zeit. Wir machen auch Lobbygespräche mit Abgeordneten und versuchen so auf politischer Ebene zu bewirken, dass mehr für Klimaschutz getan wird.

Um die Bewegung wieder größer zu machen, denkt ihr, ist da die Lobbyarbeit entscheidend oder anziehende Aktionen auf der Straße?

Lena*: Für die Zivilbevölkerung sind natürlich die Aktionen auf der Straße wichtiger, aber um politisch was zu erreichen, sind Lobbygespräche genauso wichtig.

Nico*: Die Bewegung so wie sie war ist jetzt nicht mehr vorhanden. Aber sie hat gezeigt, wieviele Massen dahinter stecken. Das war die Grundlage für Lobbyarbeit …Man wird die Leute nicht mehr in der Stückzahl auf die Straße bringen. Das muss man realistisch sehen. … Jetzt ist Lobbyarbeit wichtiger. … Öffentlichkeit haben wir ja erzeugt und die verliert man nicht so schnell. Die Bewegung nochmal so stark zu machen, weiß ich nicht, ob das so sinnvoll ist. Die Grundlage hat man ja, und viel mehr ist jetzt als Bewegung nicht zu erreichen. Wenn man jetzt nicht direkt revoluzzt.

Was erwartet ihr von der Kanzlerkandidatin Baerbock? Immerhin haben die Grünen oft vor Wahlen viel versprochen, nach ihrer Wahl aber auch vieles gebrochen, Beispiel Hambacher Wald (Abholzung als Regierung genehmigt, als Opposition den Protest unterstützt).

Lena*: prinzipiell erwarten wir nicht nur von der Frau Baerbock, sondern von allen PolitikerInnen, dass sie wirklich die Klimakrise als Krise anerkennen und entsprechende Maßnahmen ergreifen. Und das sehen wir bisher bei keiner Partei, nicht bei den Grünen und nicht bei den anderen Parteien. Eigentlich erwarten wir von allen Parteien jetzt, dass sie Maßnahmen in ihr Wahlprogramm aufnehmen und die Forderungen erfüllen, wenn sie gewählt werden. Das Klimathema ist auch nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein ökonomisches, ein soziales Thema.

Was haltet Ihr davon, dass Umwelt- und Arbeiterbewegung zusammen kommen? Darauf arbeiten MLPD und REBELL hin. Streiks der Arbeiter könnten umweltpolitisch viel bewegen.

Nico*: es ist von Anfang an so gewesen, dass man ArbeiterInnen-Interessen gegen Umweltinteressen ausgespielt hat. … Aber es wäre schon sinnvoll, nicht nur um Druck aufzubauen, sondern einfach, weil nur durch Umweltschutz gescheite Perspektiven geschaffen werden können. Aber ich seh‘ … häufig, dass die Interessen nicht vereint werden. Schon auf lokaler Ebene: in der Lederstraße wo die Luftmessstationen waren, hat man 380 000 investiert, um das Ding nach hinten zu versetzen und die Mauer vorzurücken und ’ne Spur zu sperren. Das war nicht im Sinne der Umwelt. Das wären Fahrverbote gewesen, die sonst auch hätten gemacht werden müssen. Und dann hat man halt gesagt, wenn wir jetzt den Leuten ihren Diesel wegnehmen, dann trifft es die, die es sich nicht leisten können. Umweltschutz muss auch leistbar sein. Das ist durchaus möglich. Aber es wird nicht gemacht, weil es zu einfach wäre, … und weil man dann das Thema nicht mehr instrumentalisieren könnte.

Lena*: wir setzen uns auch nicht einfach für Klimaschutz ein, sondern für Klimagerechtigkeit. Das heiß sozial, ökologisch und auch ökonomisch, dass es mit den Menschen geht … Dass es nicht einfach darum geht, unsere Welt zu retten, sondern überhaupt die Lebensbedingungen der Menschen auf dieser Welt zu verbessern. Wir kooperieren auch mit den Gewerkschaften, wir haben die auch für den 11.6. eingeladen und dazu aufgefordert, dass sie aufrufen auch die Arbeit zu bestreiken.

Björn*: Es ist ja nicht so, dass Klimaschutz was kostet. Das wird immer falsch dargestellt. Deutschland hatte in der Region Marktführerschaft in der Brennstoffzelle, aber die Autoindustrie hat das so verpennt, dass wir langsam nicht mehr Marktführer sind, sondern China und da sind sie einfach selber schuld. Da hätten sie vorher entsprechend investieren können … und dann wären die immer noch Marktführer und könnten damit auch weiterhin Geld verdienen. Klimaschutz ist nicht einfach so, dass man Verlust macht, sondern man kann damit einfach genauso weiterleben.

Welche Unterstützung braucht ihr, um möglichst lange durchzuhalten bzw. mehr Mitstreiter zu gewinnen?

Lena*: wir wollen es auf jeden Fall nach Dienstag weiter beantragen. Wir freuen uns immer über Geldspenden, Sachspenden, Essensspenden, oder einfach, wenn Leute hier ihre Zeit verbringen oder sogar hier übernachten.

Nico*: Öffentlichkeit kreieren, Leute aufrufen, hierher zu kommen, LeserInnenbriefe schreiben … Das Ordnungsamt lässt vieles bei fff zu, weil es absolut tödlich wäre für sie, uns zu räumen. … Positive Resonanz kann schon ziemlich helfen.

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg! * Namen geändert

Anmerkung der Redaktion: Wir finden sehr gut, dass ihr mit dem Klimacamp wieder an die Öffentlichkeit geht und weitere Aktionen plant. Unser gemeinsames Anliegen ist, dass endlich Entscheidendes zur Rettung der Umwelt passieren muss. „No more emtpy promises“! In diesem Sinne eine Anmerkung zu euren Hoffnungen auf den Lobbyismus. Diese Methode verkennt unserer Meinung nach die herrschenden Machtverhältnisse. Das internationale Großkapital zerstört die Umwelt mutwillig und die Regierungen und Parlamente agieren letztlich in ihrem Sinne. Wirkliche Zugeständnisse und perspektivisch ein anderes Gesellschaftssystem erkämpfen, dessen Leitlinie die Einheit von Mensch und Natur ist, geht nur durch die kämpferische Aktivität von Massen. Klingt das nicht an im Interview, wenn einer von euch von „revoluzzen“ spricht? Die Abholzung des Hambacher Walds für den Braunkohletagebau wurde (vorläufig) durch solche kämpferischen Aktionen und immer größere Solidarität verhindert, nicht durch Lobbyismus. Lasst uns in diesem Sinne die Umweltbewegung weiter stärken und mit offenen Debatten klären, wie wir unseren starken Gegnern überlegen werden.

Foto: twitter

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