Published on Dezember 1st, 2015 | by K

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Mainz: Beeindruckende Veranstaltung zu Jesiden und zur Brigade nach Kobanê

Am Freitag Abend fand im demokratisch-kurdischen Verein in Mainz eine gemeinsame Veranstaltung von der kurdischen NAV-DEM und dem REBELL Wiesbaden statt. Es war eine Verbrüderung bzw. Verschwesterung von Anwesenden verschiedener Nationalitäten, die ein gemeinsames Interesse zu haben scheinen: die Verteidigung der Werte der Menschheit und der Menschlichkeit.

Zunächst berichtet eine 22-jährige junge deutsch-kurdischsprachige Frau anhand einer Fotoserie von ihrer Reise ins Sengal-Gebiet (Süd-Kurdistan/Nord-Irak) nach der Flucht der Jesiden im August 2013, als das Massaker in Sengal, der wichtigsten Region der Glaubensgemeinschaft der Jesiden begann. Sengal wurde am 13.11.2015 befreit, aber wie leben die Menschen nach der Flucht? Ihre Fotos zeigen nicht nur ein Stück unmittelbare Realität nicht fern von der IS-Kampflinie – eine Misere, die durch die humanitäre Hilfe vor Ort nicht zu bekämpfen ist. Sie zeigen neben dem Raufen um Essensspenden auch den Optimismus, den Ruf nach Freiheit und Frieden und den Zusammenhalt der geflüchteten Kinder, die häufig alles verloren haben.

Wie erleben die Menschen die Peschmerga und die PKK? War es erlaubt zu fotografieren? – wollen die Anwesenden in der anschließenden Diskussion wissen. Die PKK wurde von den geflüchteten Menschen bei ihrer Reise immer wieder für Ihre Verteidigung und Schutz hochgehalten. Die junge Frau wurde wegen des Fotografierens verhaftet und musste die Bilder desselben Tages löschen, obwohl es offiziell nicht verboten war. Als vermeintlich englischsprachige Touristin wurde sie dann wieder in Ruhe gelassen. In einem anschließenden Vortrag eines Jesiden wird die politische Dimension der Situation betont. So mutig der individuelle Einsatz gegen die humanitäre Katastrophe sein mag, das Problem muss an den Wurzeln beseitigt werden.

Doch wer sind eigentlich die Jesiden?

Was macht sie so bedeutend, dass gerade sie verfolgt werden? Warum werden sie Teufelsanbeter genannt? – das sind Fragen, die in der Diskussion wieder auftreten. Es kommt nicht auf die Religion an – in deren Namen viele Kriege geführt wurden. Die Anschuldigung „Teufelsanbeter“, geht auf den Mythos der Schöpfungsgeschichte der Jesiden zurück und ist lediglich ein Vorwand für die Gewalt an ihnen. Die Jesiden sind eine der ältesten Gemeinschaften der Welt, die sich durch den Glauben an die Freiheit und Demokratie auszeichnen und aufgrund dessen fast jede Generation einen Genozid erlebte. Durch gewaltsame Islamisten wurde diese Bevölkerungsgruppe, zu der ursprünglich auch die gesamte Bevölkerung Kurdistans gehörte, stark dezimiert. Die Gräueltaten und Massaker des menschenverachtenden IS an den Jesiden sind zuletzt maßgeblich daran beteiligt. Sie sind jedoch im größeren Kontext, unter Mitverantwortung der imperialistischen und umliegenden Länder (Saudi-Arabien, Katar, Iran und Türkei), der strategischen Destabilisierung ressourcenreicher Länder u.a. durch die USA und der Instrumentalisierung ihrer Regierungen zu sehen. Es bringt nichts, bei all den Gräueltaten depressiv zu werden, heisst es an anderer Stelle.

Brigadisten berichten von der Brigade nach Kobanê

Hier positioniert sich der REBELL zunächst mit seinem Film über die Brigaden nach Kobanê. Der Einsatz der Brigadisten, die den Wiederaufbau in Kobanê unterstützen wirkt wie ein Hoffnungsschimmer, nicht nur für die Bevölkerung sondern auch für die Menschen, die hier in Deutschland aktiv werden möchten. Eindrucksvoll schildern die drei rebellischen Brigadisten ihre Erfahrungen beim Bau des Gesundheitszentrums in Kobanê und das Ziel, das die internationalen revolutionären Kräfte der ICOR damit verfolgen: Nie wieder soll ein revolutionärer Kampf scheitern, weil er nicht durch die internationale revolutionäre Gemeinschaft unterstützt wurde. Nach dem Massaker in Kobanê Ende Juni 2015 waren sie die einzige Organisation, die vor Ort geblieben ist und Ihre selbstlose Arbeit fortsetzte. Das stärkte nicht nur das Vertrauen der Bürgerinnen- und Bürgern von Kobanê, sondern förderte eine solidarische Zusammenarbeit vor Ort. Nicht wie eine NGO, die danach wieder abzieht, sondern bleibende Freundschaften, ein gemeinsames Projekt, eine Verbrüderung/Verschwesterung zeichnen die Brigaden aus.

Ein Lied, welches von Brigadisten des REBELLs in Kobanê geschrieben wurde brachte dies nochmal zum Ausdruck. Der Wiederaufbau der Stadt Kobanê zur Stärkung der fortschrittlichen Kräfte des selbstverwalteten Kantons ist vorbildhaft für die Stadt Sengal, wo die autonomen Strukturen noch nicht erkämpft wurden. Als die Brigadisten von den Schwierigkeiten bei der Verschaffung vom Baumaterial und der illegalen Einreise berichten, werden die politischen Voraussetzung, wie die Forderungen nach einem humanitären Korridor klar. Zudem muss die geflüchtete Bevölkerung auch wieder zurückkehren können, damit die faschistischen Kräfte mit den gerechtfertigten Mitteln besiegt werden und die Wurzeln der Fluchtursachen bekämpft werden. Zu den Forderungen gehört neben der Entschärfung von Asylrechten daher auch die Aufhebung des PKK-Verbots in Deutschland und die Verurteilung von Angriffen auf PKK-Stützpunkte, die den Kampf gegen den IS behindern. Dabei richtet sich die Kritik auch gegen die verbrecherische Politik der NATO, darunter auch die Waffenlieferungen der Merkel-Regierung oder die Aggressionen gegen die Kurden mit Beihilfe der türkischen Geheimdienste unter Erdogan. Auch die Einmischung des „anderen imperialistischen Blocks“ Russlands und der umliegenden Länder aufgrund wirtschaftlicher Interessen sind abzulehnen. Nur durch ein erhöhtes öffentliches Bewusstsein der Bevölkerung kann der Kampf um Freiheit und Demokratie zu einem gemeinsamen Kampf aller Unterdrückter werden.

Es geht dabei nicht nur um die Kurden, sondern um alle Gemeinschaften, wie Christen, Aleviten, Assyrer, Aramäer, Turkmenen und die ausgebeutete Arbeiterklasse aller Länder, die sich gegen das unterdrückerische System erheben. Am vergangenen Freitag im demokratisch-kurdischen Verein, wo der kurdische Befreiungskampf als ein Vorreiter dieses Kampfes herausgestellt wurde, konnten wir diese Solidarität erfahren.

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