Published on Dezember 7th, 2014 | by J

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Antwort auf Martin Schotteks antikommunistischen Brief

REBELL Bochum 29.11.2014

An Martin Schottek, Vorsitzender der Bochumer JuSos (sein Brief weiter unten):

Guten Tag lieber Martin,

zufällig haben wir im Internet deinen Brief an uns entdeckt. Es ist eigentlich üblich, einen Brief auch an den Adressaten zu schicken – aber da es dir ja auch gar nicht um einen demokratischen Meinungsstreit geht, hältst du das natürlich nicht für nötig. Naja, das spricht für sich. Eine – auch öffentliche – Antwort kriegst du trotzdem.

Warum hat der Jugendverband REBELL alle Bochumer Jugend- und Umweltgruppen – darunter auch die Jusos – zum diesjährigen internationalen Umweltkampftag eingeladen? Das ist eine durchaus berechtigte Frage, die du in deiner Ablehnung unserer Einladung aufwirfst. Diese Frage kann man beantworten, wenn man den eigentlichen Gegenstand der Einladung betrachtet. Es ging in unserem anhängenden Brief um eine Aktionseinheit zum Kampf gegen eine drohende globale Umweltkatastrophe. Wie du vielleicht mit bekommen hast, ist das nämlich ein existenzielles Menschheitsproblem geworden.

Es ist sehr bezeichnend, dass du in deiner ganzen Antwort kein einziges Wort dazu schreibst. Stattdessen setzt du andere Prioritäten und widmest deine kostbare Zeit einer für dich viel existenzielleren Frage: Dem Schreckgespenst Antikommunismus.

Es liegt auf der Hand, dass breite und neue Bündnisse notwendig sind, wenn wir die Klimakatastrophe, das Umkippen der Weltmeere, die Zerstörung der Regenwälder, die atomare Verseuchung usw. verhindern wollen. Jedem umweltbewegten Menschen ist das klar.

Dass für dich die Anbetung des Dogmas Antikommunismus wichtiger ist, spricht Bände. Du müsstest dich am Umweltkampftag natürlich mit deiner SPD-Regierung anlegen, aber dafür reicht dein Mumm wahrscheinlich nicht.

Minister Gabriel hat schließlich gerade im kleinen Kreis verkündet, dass die Klimaziele eh nicht zu erreichen seien. Deshalb könne man unmöglich aus der Kohleverbrennung aussteigen. Dass aufgrund der Entwicklung des Klimas Bangladesh oder Großstädte wie New York oder Mumbai bedroht sind – wenn juckt’s, auch hier muss man schließlich Prioritäten setzen – schließlich sind die Profite deutscher Konzerne in Gefahr! Deine SPD-Minister wollen auch das Fracking zulassen. Dass die AKWs trotz Fukushima weiterlaufen – auch dem hat die SPD zugestimmt. Die Änderung des EEG-Gesetz zulasten der Förderung der erneuerbaren Energien, klar, da stimmt man als Monopolpartei zu.

Deswegen kommen wir jetzt mal zu dem eigentlichen Kern deines Briefs: Für dich hat deine Karriere, dein Friede mit den Kapitalisten oberste Priorität. Deshalb ist es für dich wichtiger, dich von Marxisten-Leninisten abzugrenzen, als von Profiteuren der Umweltzerstörung, wie sie in den Konzernetagen und in der Regierung sitzen. Deshalb habt ihr nicht vor, euch am 6.12. an den weltweit stattfindenden Aktivitäten zum Weltklimatag zu beteiligen. Deshalb findet man auf eurer Homepage auch kein Wort zu Opel Bochum. Weil du auch hier keinen Handschlag getan hast, die Arbeiter im Kampf gegen den Weltkonzern GM zu unterstützen. Deshalb schreibst du lieber aus dem Verfassungsschutzbericht ab, anstatt dir eine objektive Meinung zu bilden.

Noch ein Wort zu Faschismus, Nichtwissen und Nichtverstehen. Wir wissen nicht, ob dir bewusst ist, dass du mit deinen Aussagen auch das Lebenswerk mutiger Sozialdemokraten mit Füßen trittst, die in KZs ihr Leben ließen. Du schreibst allen Ernstes, dass die „revolutionäre Arbeiterklasse in der völkischen Gemeinschaft aufging“. Lieber Martin, die revolutionäre Arbeiterklasse wurde von den Faschisten dahin gemetzelt, ihre Organisationen sämtlich verboten, ihre Vertreter – Gewerkschafter, Sozialdemokraten, Kommunisten – in den KZs zu Tausenden ermordet. Was Demagogie der Nazis war, um ihren Faschismus zu tarnen („Nationalsozialismus“, „völkische Gemeinschaft“) nimmst du beim Wort. Und ja, natürlich war der Hitler-Faschismus das Ergebnis einer „Verschwörung“ des Monopolkapitals. Wie kannst du diese historische Tatsache als „Jungsozialist“ bestreiten. Die Rolle der IG Farben, von Thyssen und Krupp bei der Förderung der NSDAP ist tausendfach bewiesen, das solltest du eigentlich in irgendeinem JuSo-Grundkurs gelernt haben. Vielleicht ist dir auch aufgrund dieses Nichtwissens entgangen, dass maßgeblich durch die Oktoberrevolution unter Führung Lenins nicht nur der Terror des I. Weltkriegs beendet wurde, sondern unter Führung Stalins auch der Terror der Hitlerfaschisten besiegt und Europa befreit wurde. Selbst wenn für dich die Adenauer-BRD die befreite Gesellschaft darstellt – auch sie war nur möglich, weil die Rote Armee den Hitler-Faschismus besiegte.

Im Übrigen hatte der Antikommunismus in der SPD-Führung auch den Hauptanteil daran, dass die antifaschistische Einheitsfront zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten in den 30er Jahren nicht zustande kam. Das war der Arbeiterbewegung eine bittere Lehre, aus der du keinerlei Schlüsse ziehst.

Dein Problem ist, dass dein Denken einfriert, sobald du dich mit dem etablierten kapitalistischen System anlegen müsstest. Emanzipation bedeutet für dich, auf der Karriereleiter nach oben zu klettern und endlich auch im Wohlstand der Herrschenden leben zu können. Mit den Klimaflüchtlingen in Bangladesh willst du sicher nicht gleich gestellt sein – mit den Herren Bundestagsabgeordneten umso lieber. Wenn das deine Vorstellung von Emanzipation ist – dann sind wir gerne das Hindernis.

Mit freundlichen Grüßen,

REBELL Bochum

 

 

Lieber Jugendverband REBELL,

Liebe MLPD,

Lieber „Unabhängiger“ Frauenverband Courage

Liebe Redaktion „Rote Fahne“ und liebe Rotfüchse

Eure Einladung hat mich überrascht und doch nicht überrascht. Überrascht war ich, weil Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten normalerweise bei euch nicht so gut wegkommen. Die Sache mit den Kriegskrediten, die Sache mit dem Radikalenerlass, die Sache mit der Agenda 2010, ihr wisst schon.

Wiederum war ich doch nicht überrascht, eine Einladung zu einer eurer schlagkräftigen Aktionen zu bekommen, denn das passt irgendwie in das Schema dessen, was ihr „Bündnisarbeit“ nennt. Eure „Bündnisarbeit“ ist auch der erste Grund, aus dem ich auf eure Einladungen nicht eingehe. Ihr geht mir gewaltig auf die Nerven. Egal wo sich etwas an Aktion regt, seid ihr mit eurem Lautsprecherwagen dabei, um die Veranstaltung für euch zu vereinnahmen. Jahr für Jahr werde ich gezwungen, mir durch euer „offenes Mikrofon“, durch das in den allermeisten Fällen nur die „richtigen“ Leute sprechen, denselben Mist anzuhören. Jedes verdammt Jahr wollen mir 12jährige am Ersten Mai die Weltrevolution in gedruckter Form und Nelken verkaufen, um eure nicht gerade leeren Kassen weiter zu füllen. Jedes Jahr wird Genossinnen von diesem „unabhängigen“ Frauenverband Courage ein Trip nach Venezuela, Kuba oder wo sonst ein „Sozialismus“ gerade in Blüte steht angeboten. Euer Agitprop schafft diese besondere Atmosphäre, die jede Versammlung der großen, trägen Parteien wie Festivals an Kreativität, Kritik und Individualität.

Das hängt wahrscheinlich mit dem zweiten Grund zusammen, aus dem ich nicht mit euch zusammenarbeiten kann. Der DKP kann man vorwerfen, 1989 mit dem Denken aufgehört zu haben. Euch werfe ich vor, euer Denken 1917 eingefroren zu haben. Euer völlig unkritisches Verhältnis zu Leninismus und Stalinismus ist die Grundlage all der falschen Analysen, all des Nichtwissens und Nichtverstehens, das euer Agieren prägt.

Das Wort Dialektik kennt ihr mit großer Wahrscheinlichkeit. Es ist zu schade, dass es in eurem Munde nichts ist als Dekoration. Würdet ihr den Versuch unternehmen, Dialektik auf eure Ikonen anzuwenden, so würdet ihr erkennen, wie grundsätzlich der Versuch Lenins gescheitert ist, mit den Mitteln des Terrors eine befreite Gesellschaft aufzubauen. Diese Dialektik entging Lenin und sie entgeht euch bis heute. Das kann man auch aus eurer Theologie erklären. Die „revolutionäre Arbeiterklasse“, das historische Subjekt der Überwindung des Kapitalismus, geführt durch eine Partei, die von sich weiß, dass sie die „objektiven Gesetze der Menschheitsgeschichte“ auf ihrer Seite hat, braucht sich über die Folgen ihres Handelns keine Rechenschaft zu geben. Für sie spricht ihre große Aufgabe, eine neue Epoche einzuleiten. Und weil diese Partei, unbehelligt von liberalen Weichheiten wie freien Diskussionen, Vollstreckerin der Geschichte ist, kann ihr Scheitern nur auf eine Verschwörung von Kapitalisten/Imperialisten/Saboteuren/Kosmopoliten etc. beruhen. So erklärte der Stalinismus jedes Problem, dass seine Politik schuf. Doch vor allem die deutsche Geschichte ist euer größter blinder Fleck. Es von euch bis heute nicht zu erklären, warum das 20. Jahrhundert nicht das Arbeiterparadies, sondern die Hölle von Auschwitz hervorgebracht hat. Bis heute imaginiert ihr euer historisches Subjekt, die revolutionäre Arbeiterklasse, auch wenn diese in der völkischen Gemeinschaft aufging. Der Nationalsozialismus, der schlimmste aller Versuche, die Widersprüche des Kapitalismus negativ aufzuheben, wird von euch undifferenziert als „Faschismus“ bezeichnet, um ihn dann zu einer Verschwörung des Monopolkapitals zu machen. Hauptsache, nichts kommt auf die Arbeiterklasse.

Mir lässt dieses Nachdenken über euch nur einen Schluss zu: Ihr seid nicht der Narrensaum des Fortschritts und keine schrulligen Alten, die gewissen Traditionen verhaftet seid. Ihr seid Teil des Problems, euer Denken ist ein Hindernis auf dem Weg zur Emanzipation. Deswegen lehne ich eure Einladungen ab. Deswegen will ich nicht in euer offenes Mikro sprechen.

Martin Schottek

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