Published on November 30th, 2014 | by J

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An der Grenze zu Kobane – Interview

Der REBELL führte ein Interview durch mit Genossen der Roten Aktion, die an der türkischen Grenze zu Kobanê waren.

Wie ist die aktuelle Situation in Kobanê  
Aktuell ist es so, dass nur noch wenige Teile der Stadt unter Kontrolle des IS stehen. Der Großteil wurde von der YPG/YPJ zurück erobert. Die Lage hat sich im allgemeinen etwas stabilisiert, allerdings ist noch nicht von einem Sieg zu sprechen. Auch der Korridor, den die kurdische Bewegung vom türkischen Staat fordert, über den Kämpfer, Nahrungsmittel, Medikamente, Waffen und Flüchtlinge die Grenze zwischen Syrien und Türkei in beide Richtungen passieren können, ist noch nicht errichtet. Zum Winter hin wird besonders die Situation der Flüchtlinge immer schlechter, es mangelt an Decken, warmen Jacken und wasserdichten Zelten.

Wo genau seid ihr gewesen und was habt ihr erlebt? 
Wir waren in den Grenzdörfern nahe Suruc, das heißt, wir waren auf der türkischen Seite der Grenze. Das Dorf Qop, in dem wir gewohnt haben liegt zwischen 700 und 1000 Meter von der Grenze entfernt, ca. 4 Kilometer westlich liegt Kobanê Stadt selber. Von dort aus haben wir die anderen Grenzdörfer, Flüchtlingslager und das Grenztor besucht. Wir konnten viele Einblicke in das Leben in den Dörfern bekommen: Hier leben Dorfbewohner, Revolutionäre und geflüchtete Familien zusammen und bestreiten gemeinsam ihren Alltag. Wir konnten miterleben was es bedeutet, ein solidarisches, gemeinsames Miteinander zu pflegen und auf die Bedürfnisse aller zu achten, und wie die Geflüchteten sich mit Hilfe der kurdischen Gesellschaft selbstversorgen. Wir konnten die Realität des Krieges spüren, das Leid der Menschen aber gleichzeitig den riesigen, ungebrochenen revolutionären Willen jedes Einzelnen und das Bewusstsein und die Zuversicht, dass Kobanê siegen wird.

Welche Rolle spielen der türkische Staat, der deutsche Staat und die US-Politik? 
Den USA und Deutschland geht es um ihren Einfluss im Nahen und Mittleren Osten und Zugriff auf die Reichtümer dieses Gebiets. Sie haben den IS selbst unterstützt und tun das bis jetzt etwa durch Waffenlieferungen an die NATO-Partner Türkei, Saudi-Arabien und Qatar, die den IS mit aufgebaut haben und weiterhin stärken, außerdem lassen sie internationalen Zustrom an Kämpfern zum IS auch z.B. aus Deutschland zu. Dass der IS Kobanê nieder macht und die Kontrolle der NATO-Mächte über das Gebiet ermöglicht, hat aber nicht funktioniert. Zudem ist der internationale Druck auf die NATO-Mächte bezüglich ihrer Machenschaften in Syrien stark gestiegen. Die USA brüstet sich nun vor der Weltöffentlichkeit mit der Bombardierung des IS, bleibt dabei aber weit unter ihren Möglichkeiten. Sie nutzt die Gelegenheit noch, um die Infrastruktur der Assad-Regierung zu schwächen und verhindert, dass der IS so stark wird, dass sie ihn nicht mehr kontrollieren kann. Gleichzeitig versucht die USA politischen Einfluss auf die kurdische Befreiungsbewegung zu gewinnen. Deutschland brüstet sich mit Waffenlieferungen an die kurdische Befreiungsbewegung. Die gehen allerdings an die Peshmerga, die sich im Unterschied zu der YPG/YPJ und der PKK als offen für eine Zusammenarbeit mit den NATO-Mächten erwiesen haben. 150 Peshmerga-Kämpfer sind nach Kobanê gegangen, dafür wurde aber eine 40 prozentige Mitbestimmung der Politik gefordert. Auch hier in Deutschland wird die kurdische Bewegung massiv verfolgt, immer wieder werden Demonstrationen brutal angegriffen und Aktivisten verfolgt. Zudem ist die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) auch hier immer noch verboten und steht auf der Terrorliste. Der türkische Staat unterstützt in diesem Krieg unmittelbar und offensichtlich den IS. Wir konnten zum Beispiel selber miterleben, wie sie von der Militärstation zur Grenze fahren um dort auf ein anderes Auto vom IS zu treffen und anschließend gemeinsam spazieren zu gehen. Dort werden direkt an der Grenze Absprachen getroffen und Waffenlieferungen oder Grenzübertritte organisiert. Vorher stellen sie das Licht in den kurdischen Dörfern ab, damit sie nicht gefilmt werden können.

Welche Bedeutung hat Kobanê? 
Kobanê hat für die kurdische Bewegung eine sehr große Bedeutung. Kobanê war der erste der drei Kantone, in dem die Rojavarevolution 2012 begann. Strategisch ist es ein sehr wichtiger Punkt, da er den mittleren der 3 Teile bildet, gäbe es diesen nicht, wäre keinerlei Kommunikation mehr möglich und Rojava räumlich noch viel weiter getrennt. Auch die Chancen, vor allem für den kleinsten Teil (Efrin), Angriffen stand zu halten würden massiv sinken. Kobanê steht stellvertretend für die Rojavarevolution, die Frauenrevolution, die selbstverwaltete Autonomieregion in ganz Rojava und ist dabei ein internationales Vorbild. Der Mut und Kampfgeist der Kämpfer in Kobanê kann alle uns alle inspirieren, ermutigen und stärken.

Welche Unterstützung wird gebraucht? 
Es wird alles an Unterstützung gebraucht. Kleidung, Medikamente und Nahrungsmittel sind Dinge, die vor allem in den Flüchtlingslagern benötigt werden. Ein Korridor, welcher einen sicheren Weg von der türkischen Seite der Grenze hin nach Kobanê bieten würde, ist immer noch nicht etabliert und muss nach wie vor erkämpft werden, wo wir hier in Deutschland Druck auf die Regierung ausüben können. Zudem werden natürlich immer finanzielle Mittel in Form von Spendengeldern benötigt. Internationale Delegationen und Brigaden helfen vor Ort sowohl direkt im Leben, als auch bei der Stärkung der Moral und können zusätzliche internationale Aufmerksamkeit und internationalen Druck erzeugen. Außerdem müssen wir den Kampf hier im imperialistischen Zentrum fortführen und stetig ausbauen.

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