Published on Oktober 17th, 2014 | by J
0Interview mit dem kurdischen Studierendenverband YXK zur Lage in Kobane
WIE IST AKTUELL DIE LAGE IN KOBANE?
Wie ja bekannt ist, konnte der IS leider weite Teile des Kantons Kobanê unter seine Kontrolle bringen. Über 300 Dörfer hatte er erobert. Dabei spielte die bedingungslose Unterstützung durch die Türkei eine große Rolle, da ungehindert tausende IS-Kämpfer die türkisch-syrische Grenze passieren konnten und sich den Kämpfen angeschlossen haben. Erst vor der Stadtgrenze und zum Teil in einigen Stadtteilen von Kobanê konnte der Vormarsch der IS gestoppt werden. Seit einigen Tagen erreichen uns die Meldungen, dass die YPG eine Gegenoffensive gestartet hat und auch bereits ein paar Dörfer zurückerobert hat. Dennoch bleibt die Lage hoch-dramatisch, da die Türkei sich immer noch gegen einen Korridor auf türkischem Staatsgebiet wehrt, nicht klar ist ob die Luftangriffe gegen den IS sich ausweiten werden und der IS derzeit KämpferInnen zusammenzieht, mit denen er jederzeit Kobanê erneut angreifen kann.
WARUM IST ES SO WICHTIG, DASS KOBANE UND ROJAVA UNBEDINGT GEGEN DIE FASCHISTISCHEN IS-TRUPPEN VERTEIDIGT WERDEN?
Was mit dem Aufbau der Demokratischen Autonomie in Rojava aufgebaut wird, ist nicht ein System was für KurdInnen aufgebaut wird, sondern eine fortschrittliche Idee, die für den gesamten Nahen- und Mittleren Osten und darüber hinaus eine Perspektive bietet. In Rojava wird ein gesellschaftliches Projekt jenseits von patriarchalen, kapitalistischen, nationalistischen und fundamentalistischen Vorstellungen gewagt. In allen gesellschaftlichen Bereichen, sind die Geschlechter paritätisch vertreten sowie alle Volks- und Religionsgemeinschaften eingebunden. Entscheidungen werden nicht durch ein paar wenige gefällt sondern in basisdemokratisch organisierten Volksräten. Um den gesellschaftlichen Sexismus zu bekämpfen und den Fortschritt gegen Angriffe von rückständigen Kräften zu verteidigen wurden eigene Frauenverteidigungseinheiten gebildet. Dementsprechend werden in Rojava nicht KurdInnen angegriffen, sondern eine fortschrittliche Idee. Diese Ideen teilen Millionen von Menschen auf der ganzen Welt und deshalb stellen die Angriffe einen Angriff gegen all diese Menschen dar, wogegen mensch sich weltweit verteidigen muss.
WIE SCHÄTZT IHR DIE ROLLE DER USA UND DER TÜRKEI EIN?
Ideologisch kämpft Rojava derzeit gegen die gesamte kapitalistische Moderne, von der die USA der wichtigste Vertreter ist. Die Luftangriffe, die derzeit gegen IS-Stellungen geflogen werden, werden durch die USA nicht aus gutem Willen geflogen, sondern um das Wüten des Monster, das die USA durch die eigene imperialistische Politik der letzten Jahrzehnte erschaffen hat, einzudämmen. Die Türkei nimmt hierbei eine klare feindliche Stellung ein. Sie unterstützt den IS, damit dieser die Kräfte aus dem Weg räumt, die den neo-osmanischen Ambitionen der Türkei im Wege stehen. Sie nutzt den radikalen Salafismus, um gegen die kurdische Freiheitsbewegung vorzugehen. Dass sie diese Politik nicht nur auf Rojava einschränkt und dass dahinter ein gesamtes politisches Konzept steht, sahen wir in den Auseinandersetzungen in Nordkurdistan (in der Türkei – Anm. d. Red.) in den letzten Tagen. Dort wurden Anhänger der Islamistischen Partei Hüda-Par von der Polizei regelrecht geschützt, als diese Demonstrationen der kurdischen Bewegung angriffen.
WAS WIRD JETZT VON DEN KÄMPFENDEN KURDINNEN UND KURDEN BESONDERS GEBRAUCHT? WAS KÖNNEN WIR GEMEINSAM MIT DEN HIER LEBENDEN KURDINNEN UND KURDEN UNTERNEHMEN?
Nun diskutiert die gesamte Weltöffentlichkeit über die Geschehnisse in Kurdistan, Rojava, dem Mittleren Osten sowie der Rolle der Türkei und der USA. Dazu haben vor allem die Demonstrationen, Kundgebungen, Erklärungen, Aktionen des zivilen Ungehorsams und andere Formen der gemeinsamen Öffentlichkeitsarbeit sowie der internationalen Solidarität beigetragen. Was jetzt aber vor allem notwendig ist, sind endlich praktische politische Schritte. Es müssen Schritte unternommen werden, wo die Selbstverteidigungskräfte YPG/YPJ aktiv unterstützt werden. Die Bundesregierung muss noch mehr dazu gedrängt werden das PKK-Verbot aufzuheben und die Türkei dazu zu bewegen einen Korridor nach Kobanê zu öffnen. Die öffentliche Aufmerksamkeit ist da, jetzt müssen praktische Schritte gemacht werden.

