Published on Februar 8th, 2012 | by Esitileti296

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Interview mit einem Augenzeugen des Massakers in Port Said (Ägypten)

08.02.12 – Honda ist ein 20-jähriger Student, der in Ägypten lebt. Ein Mitglied des REBELL übermittelte ihm das Beileid für die Opfer der konterrevolutionären Gewalt am 1. Februar im Port Said und führte das nachfolgend abgedruckte Interview. Honda war im Stadion, als 74 Menschen getötet und unzählige Menschen verletzt wurden („rf-news“ berichtete).

Rebell: Kannst du kurz berichten, was dort vorgefallen ist?

Honda: Erst einmal vielen Dank für dieses Interview. Ich hoffe, ihr
könnt es verbreiten, weil es sehr wichtig für uns ist (insbesondere für
die Menschen in Port Said, meiner Stadt), um zu zeigen, dass wir
friedlich sind und kein weiteres Blutvergießen für das ägyptische Volk
wollen.

Das Fußball-Spiel zwischen El Ahly und El Masry in Ägypten, gerade im
Port-Said-Stadion, ist ein sehr wichtiges Ereignis für uns. Das ist wie
Bayern München gegen Schalke in Deutschland. Es war zu erwarten, dass
viel Polizei da sein würde, wie sonst normalerweise auch. Aber es gab
nur ein paar unorganisierte Gruppen und ich als Fan von Port Said weiß,
wie sie ihr Team unterstützen. Diesmal war zu viel Gewalt in den
Liedern, sie drohten teils, El-Ahly-Fans zu töten. Wir waren überrascht,
dass die Polizei draußen nichts dagegen unternahm. Ich habe zum
Beispiel bis jetzt noch mein Ticket und niemand der Polizei
kontrollierte diese, was es dann auch möglich machte, viele verschiedene
Waffen ins Stadion zu bringen.

Nachdem die El-Ahly-Spieler das Stadion betraten, schossen unerwartet
einige Fans ihnen Feuerwerkskörper entgegen! Einer der Spieler wurde
verletzt und der Schiedsrichter brach nicht das Spiel ab! Das Spiel
begann mit weiteren Würfen von Wasserflaschen und Steinen. In der
Halbzeitpause betraten einige Fans das Spielfeld, ohne dass es
irgendeinen Widerstand von Polizei oder Sicherheitsdienst gab. Dann
startete die zweite Halbzeit und El Masry machte drei Tore.
Merkwürdigerweise feierten die Fans jedes Tor mit den Spielern auf dem
Rasen!(!!!)

El-Masry-Fans machten einen Menschengürtel, um das Spielfeld zu
schützen. Zwei Minuten vor Schlusspfiff öffnete ein Polizist die Tür der
El-Masry-Fans und sagte: „Los, tötet diese Bastards!“ Tausende Fans
betraten das Spielfeld und rannten mit Waffen und Feuerwerkskörpern
hinter den El-Ahly-Fans her, um sie zu verletzen. Die größte
Überraschung, die beweist, dass irgendetwas nicht stimmte, war, dass
während der massiven Attacken die Stadionlichter ausgeschaltet wurden.
Die Kerle hatten Taschenlampen bei sich, also wussten sie vorher
Bescheid. Das Ergebnis sind 74 Getötete und 1.000 Verletzte.

Rebell: Wer waren die Mörder? Warum haben sie diese schrecklichen Taten begangen?

Honda: Es war von der Militärregierung SCAF (Superior Council of Armed
Forces) geplant, mithilfe der Polizei und ein paar angeheuerten
Schlägern. Damit wollten sie eine Gruppe der Al-Ahly-Fans beseitigen,
die „Ultras Ahlawy“ genannt werden. Sie kämpften gegen die Polizei in
der Revolution und spielten eine wichtige Rolle. Übrigens, ich bin einer
von ihnen. Sie versuchen mithilfe eines  Bürgerkriegs in Ägypten die
Übergangszeit der SCAF zu verlängern und ihre Kontrolle zu sichern.

Rebell: Wie ist jetzt die Stimmung in Ägypten und was wirst du machen?

Honda: Die echten Fans waren überrascht und erschüttert über die
Ereignisse. Nach dem Spiel halfen sie den verletzten Personen und
behandelten sie. Aber die Mörder waren unter ihnen und wir konnten sie
nicht ausfindig machen. Alle Ägypter sind voller Wut. Einige sind jetzt
wütend auf Port Said. Und Port Said ist traurig. Ich war selbst aktiv
bei den Massendemonstrationen, die zum Sturz von Mubarak führten.

Die SCAF ist der Fortsatz von Mubarak, sie haben uns betrogen. Ich und
meine Freunde von „Ultras Ahlawy“ werden erst einmal unsere toten Brüder
beerdigen. Danach werden wir wieder zum Tahrir-Platz gehen.

Rebell: Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für euren revolutionären Kampf gegen das alte Regime!

Honda: Danke und Gott segne Ägypten.

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