Published on Dezember 6th, 2010 | by Esitileti296

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Weltfrauenkonferenz in Venezuela

Die Weltfrauenkonferenz der Basisfrauen naht mit großen Schritten. Auf der Seite weltfrauenkonferenz.de findet ihr alle Infos auf deutsch, wie man die Weltfrauenkonferenz bekannt machen, sich an internationalen Brigaden zur Unterstützung beteiligen kann. Hier gibt es ein Angebot für die Verknüpfung mit einer Urlaubsreise.

Um euch einen Vorgeschmack zu geben könnt ihr hier die Korrespondenz „Als Studentin ein Jahr in Venezuela“ lesen. Viel Spaß.

Zu Lateinamerika habe ich ein sehr persönliches Verhältnis, da meine
Mutter in Argentinien geboren und aufgewachsen ist. Zwar bin ich selbst
bin in Deutschland geboren, aber weil ich im Jahr der
Tschernobyl-Katastrophe auf die Welt kam, entschied sich meine Mutter
mit uns Kindern wieder für einige Zeit nach Argentinien zu gehen.
Deswegen – vor allem aber wegen meiner Familie – war die erste Sprache,
die ich lernte, Spanisch. Bis ins Jahr ´83 hinein herrschte in
Argentinien eine Militärdiktatur. So kommt es, dass ich viele von der
Militärdiktatur verfolgte Linke schon in frühen Jahren kennenlernte und
durch das Zuhören ihrer persönlichen Geschichten schon früh erkannte
(wenn damals auch auf sehr kindliche Weise), dass einige Dinge gewaltig
schief laufen. Deswegen und auf Grund meines Studiums (Politik und
Ethnologie) sah ich es als eine absolute Notwendigkeit mich an dem Kampf
in Venezuela zu beteiligen.

Ein wenig zur Geschichte: Der sogenannte bolivarianische Prozess in
Venezuela begann 1998 mit dem Wahlsieg von Hugo Chavez, dessen soziale
Basis die Armen in den Barrios (Armenviertel) bilden. Ich fand den
Prozess der Erarbeitung einer neuen Verfassung mit großer Beteiligung
des Volkes von fundamentaler Wichtigkeit. Von „Volk“ spreche ich hier im
Zusammenhang mit dem Klassenkampf, der sich zwischen Armen (Volk) und
Oligarchie abspielt.
Nachdem Chavez die Auslandschulden an den IWF zurückgezahlt hatte und
sich Venezuela so von den Strukturanpassungsprogrammen lösen konnte,
begann er die Karten neu zu mischen. Dieses Mal jedoch nicht zum Vorteil
der multinationalen Konzerne. Das Geld, das die Jahre zuvor in großen
Anteilen ins Ausland geflossen war (vor allem durch die Öleinnahmen),
nutzte die bolivarianische Regierung nun, um sie in sozial langfristige
Projekte zu investieren. Nicht nur eine Verbesserung der
Lebensbedingungen der venezolanischen Bevölkerung wurde dadurch
erreicht, sondern es wurde durch Chavez auch – und das ist
ausschlaggebend für den proceso revolucionario – eine politische
Partizipation der VenezolanerInnen in Gang gesetzt.

In Venezuela findet eine neue Art des Regierens statt. Unter anderem
durch die Misiones, die sich unter anderem um eine kostenfreie
Gesundheitsversorgung, Literatur, die jeder bezahlen kann (z. B. für die
Herstellung wichtiger Bücher zum Selbstkostenpreis – statt 40 € kostet
ein wichtiges Buch dann 2 €), und um eine Verminderung der
Analphabetisierung u.v.m. kümmern.
Wenn wir über das politische Regierungssystem des karibischen Staates
sprechen, so sprechen wir von einer parzitipatorischen Demokratie. Nicht
wie in Deutschland, in der sich die einzige „politische Aktivität“ von
vielen Personen lediglich auf die Wahlen beschränkt. Statt
Repräsentanten, die einmal gewählt werden, um dann zumeist Versprochenes
nicht ein Mal einzuhalten, gibt es Sprecher von kommunalen Räten
(Consejos Communales), die für die Interessen der Stadviertel und die
Arbeiter kämpfen.

Ich war 2008 im Rahmen meines Studiums in Venezuela und studierte dort
in Merida, einer Stadt mit ca. 220.000 Einwohnern. wovon etwa die Hälfte
Chavez-Anhänger und die andere der Opposition zugehörig sind. Die
Opposition in Venezuela versucht mit aller Kraft, den Prozess der
gesellschaftlichen Veränderung aufzuhalten, zu bremsen und zu
sabotieren. Traurig dabei ist, das diese noch nicht einmal ein
politisches Programm hat, wodurch diese angreifbar wäre; ihr Programm
ist sehr simpel und lautet „Gegen Chavez“ (und wenn dessen Politik noch
so positiv für die Bevölkerung ist).
Die Universitäten, historisch schon immer die eigentliche Hochburg der
Opposition (bis noch in die Gegenwart), wo sich die Reichen einkaufen
konnten, kostete für mich nichts. 150 Fahrkarten-Tickets habe ich jeden
Monat umsonst bekommen. Auch die medizinische Versorgung war für mich
(als Ausländerin) umsonst. Kuba hat in einem gemeinsamen Abkommen mit
Venezuela (Misión Barrio Adentro) rund 3000 Ärzte nach Venezuela
geschickt, die sich dort sowohl um die Ausbildung von Fachleuten im
medizinischen Dienst kümmern als auch selbst die Patienten behandeln.

An der Uni gibt es viele politische Diskussionen. In den letzten zehn
Jahren wird überhaupt überall viel über Politik diskutiert.
Traditonsgemäß trugen die Studenten Lateinamerikas maßgeblich zur
politischen Gestaltung des Landes bei. Auch ist es im Gegensatz zu
Deutschland in Venezuela ganz normal, dass an der Uni Vorlesungen über
Marx und Engels usw. gehalten werden.
Als Teil meiner Arbeit habe ich zudem in einem Armutsviertel mit Kindern
gearbeitet. Dort haben wir Workshops mit 5 -17 jährigen Kindern und
Jugendlichen gemacht, um herauszufinden, welche Probleme sie haben und
sie zu ermutigen, selbst aktiv zu werden. Das haben wir beispielsweise
über ein Fotoworkshop gemacht. Sie hatten die Aufgabe, 50 Fotos zu einem
Thema zu machen. Später setzten wir uns zusammen und haben darüber
gesprochen. Wir haben ihnen beigebracht, wie man fotografiert, filmt,
Fotos hochlädt und bearbeitet.
Wir sind außerdem auch in Schulen gegangen und haben dort politische
Bildung gegeben. Es war nicht immer leicht, in die Schulen reinzukommen.
Aber mit Hilfe von Tatuy Tv, einem kommunitären Fernsehsender, mit dem
ich sehr eng zusammenarbeitete, und der staatlichen Unterstützung gelang
es uns Zugang zu den Schülern zu finden. Nachdem wir in einer Schule
jeweils vier Workshops gemacht hatten, arbeiteten wir außerhalb der
Schule mit den Jugendlichen weiter.

Im Februar 2009 war ich dort auch als Wahlhelferin aktiv. Auffällig war
die enorme Disziplin, mit der die Grupos Bolovarianos arbeiteten. Ab 7
Uhr morgens wurden Dokumente und Papiere durchgearbeitet, z. B. das
Kommunistische Manifest, Analysen über nationale und internationale
Probleme und das kontinuierlich das ganze Jahr hindurch. Nach den zwei
Theorie-Stunden gingen alle zur Arbeit oder in die Schule. Chavez sagt,
dass die wichtigste Waffe gegen die Angriffe auf den „Sozialismus des
21. Jahrhunderts“ die Bildung ist. „Wir müssen 10 x besser sein als die
Opposition. Wir müssen alles 10 x besser können. Unsere Waffe ist die
Bildung.“
Eine starke Waffe der Gegner des bolivarianischen Prozesses hingegen
sind die 800.000 Fernsehstunden, die pro Jahr aus den USA nach
Lateinamerika importiert werden (wie bspweise die Telenovelas). Die
sind aus dem Leben einer lateinamerikanischen Frau nicht wegzudenken.
Das frisst sich am meisten in die Köpfe rein. Dagegen hilft nur Bildung.

Im März 2011 findet in Venezuela die nächste internationale
Weltkonferenz von Basisfrauen statt. Es ist wichtig, dass wir uns
international organisieren und die Welt auf diesen Prozess aufmerksam
machen. Denn eins ist sicher, den imperialistischen Nationen
einschließlich ihrer Monopole und der dahinterstehenden Interessen passt
die derzeitige Entwicklung Venezuelas, sowie der weltweit wachsende
Widerstand gegenüber dem Kapitalismus gar nicht.

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