Published on Februar 17th, 2008 | by Esitileti296

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Interview mit Nora Quest


„Auch Jugendliche sollen in Die Rote Zora gehen“

Nora Quest ist keine Schauspielerin, sondern Darstellerin. Das ist ihr wichtig. Denn sie ist 17, geht aufs Gymnasium und hat noch keine Schauspielschule besucht. Trotzdem spielt sie regelmäßig am Theater und hat einige Kinorollen übernommen. Aktuell spielt sie in „Die Rote Zora“ die Bürgermeister-Tochter Zlata. Wir haben sie in Bochum getroffen.

Was verbindest du selbst mit der Roten Zora?
Ich habe das Buch selbst gelesen. Das ist jetzt nicht mein erster Kinofilm, aber der wurde mit so viel Liebe gemacht. Das ist nicht so ein Mainstream-Film, nicht auf Kommerz aus, und das hat mich ungeheuer gerührt. Auch der Regisseur Peter Kahane, dem war der Film eine Herzensangelegenheit. Dann fand ich das Drehbuch selbst klasse. Gerade die Szene mit Mario Adorf als Fischer Gorian, wo er am Ende im Gerichtssaal sagt: „Wenn wir Kinder in unserer Gesellschaft hungern lassen, muss die selbst auf die Anklagebank. Und die Frage ist nicht, was sie geklaut haben, sondern warum.“ Sowas finde ich ganz starke Szenen. Das hat mich ganz tief bewegt. Die Drehbücher von anderen Filmen fand ich ganz nett, aber ich stand nicht voll und ganz dahinter.
Ich finde es etwas schade, dass der Film als Kinderfilm promotet wird…


…Denn das ist viel mehr als ein Kinderfilm, ein Familienfilm. Auch
Jugendliche sollen da rein gehen. Auch wenn klar ist, dass die
Erwachsenen im Film etwas karikativ dargestellt werden und man als
Jugendlicher dann denkt „Das ist nicht so ganz mein Niveau“. Aber das
Thema „Kinderarmut“ ist einfach total wichtig, weil es politisch ist.
Die Älteren gehen wahrscheinlich in den Film, weil es ein Klassiker als
Buch war. Jugendliche sollen sich auch damit befassen, mit
Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, mit der Solidarität, die da gezeigt
wird. Das sind wichtige Themen für Jugendliche, wie für Kinder.


Was hast du bisher für Filme gemacht?

Insgesamt spiele ich eigentlich mehr Theater. Aber ich habe in „Die
wilden Hühner und die Liebe“ mitgespielt. Davor habe ich in einem
Werbespot „Schüler helfen Leben“ mitgemacht, wobei mir wichtig ist zu
sagen, dass es mir dabei um die Sache ging. Ich hätte keinen normalen
Werbespot für ein Haarprodukt gemacht. Dann habe ich noch „Notruf
Hafenkante“ gedreht, „Post Mortem“ war mein erster Film. Kürzlich war
ich in „Zweier ohne“, aber nur in einer ganz kleinen Rolle.


„Die Rote Zora“ gibt es als Buch, Ende der 1970er Jahre wurde das in
einer Fernseh-Serie verfilmt. Denkst du, dass  auch deswegen jetzt neu
gedreht wurde, weil die Kinderarmut wieder ein großes Thema ist?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es dem Regisseur Peter Kahane
auch persönlich sehr wichtig war, dieses Buch zu verfilmen. Er war
immer ein Fan von der roten Zora. Und dann muss man auch hinter der
politischen Aussage des Buches stehen. Aber ich habe mit Peter nicht
direkt darüber gesprochen. Mit Linn Reusse, der Darstellerin der Roten
Zora schon. Aber das Thema Solidarität unter Jugendlichen und Kindern
ist schon aktuell. Denn ich erlebe das zum Beispiel in der Schule. Da
wird einfach viel zu viel über relativ unwichtige Dinge gesprochen, wie
viel Alkohol man trinkt oder über Markenklamotten zum Beispiel. Oder
auch bei der Notengebung. Neulich wurde bei mir mal ein Mitschüler von
einer Lehrerin überzogen nieder gemacht, und dann hat ihm niemand
geholfen. Es wurde geschwiegen oder andere haben sich darüber kaputt
gelacht. Aber niemand hat was gesagt, ihm geholfen. Deswegen finde ich
mehr Solidarität unter Jugendlichen wichtig. Und da liefert der Rote
Zora-Film ein Vorbild.
Und in anderen Filmen wird die Jugend eher verdummt, da geht es dann um
irgendwelche komischen Beziehungsgeschichten. Da wird den Kindern was
weg genommen, weil das so oberflächlich ist.
„Die Rote Zora“ ist da eben anders. Ich hatte etwas Angst, dass viele
Kinder nicht rein gehen, weil da nicht so viel Action ist. Und der Film
hat auch nicht so gute Kritiken bekommen, was mich geschockt hat. Wenn
Kritiker den Film als zu flach bezeichnen, zeigt das, dass sie sich
nicht richtig mit dem Film befasst haben. Es ist doch nicht flach, wenn
man ein politisches Thema behandelt. Erst recht nicht ein Thema dieser
Art.


 

 

 

 

 

 

 

 

Wie war das bei Dreh mit dem Zusammenhalt? Da waren ja dann ein ganzes Dutzend Jugendliche in deinem Alter.

Also die Bande selbst hat auch beim Dreh richtig zusammen gehalten. Das
war schön. Mit Linn, der roten Zora bin ich eng befreundet. Weil ich
etwas älter war, war ich aber auch alleine. Wenn man über 16 ist fällt
der Jugendarbeitsschutz weg, ich habe dann länger gedreht. Aber mit der
ganzen Crew war es ein sehr gutes, enges Verhältnis. Der Regisseur war
halt auch klasse. Beim Dreh hat er fast nie auf seine kleine Kamera
geschaut, sondern immer die Schauspieler direkt. Er hat sich viel Zeit
genommen. Es ging nicht nur um Geld, Geld, Geld. Der Film wurde eben
mit viel Liebe gemacht und wir alle hatten richtig Lust, diesen Film zu
machen. Das war bei anderen Filmen schon anders.
Wir Jugendlichen hatten einen Coach, der uns geholfen hat, in die
Rollen reinzufinden. Und das merkt man dem Film auch an. Die jungen
Darsteller sind einfach gut.


Die Landschaftsbilder im Film machen ja total Lust auf Urlaub. Ist es
in Montenegro wirklich so schön oder wurde da technisch dran gedreht?

Es ist echt total schön. Einfach unglaublich. Aber auch da ist der
Unterschied zwischen arm und reich krass. Wir haben in einem noblen
Hotel mit Pool und allem Luxus gewohnt. Und direkt daneben stand eine
Ziegelhütte ohne richtiges Klo. Das hat mich dann wiederum geschockt.
Aber insgesamt war es eine wunderbare Atmosphäre. Die Montenegriner
waren uns gegenüber etwas misstrauisch, kann ich auch verstehen. Aber
wir waren ein zweigeteiltes Team, also auch eine Gruppe mit Serben und
Leuten aus Montenegro. Und mit denen haben wir uns super verstanden.
Die Gymnasiasten aus dem Film waren aus Montenegro und dann vor allem
das Team. Wir sind viel rumgefahren zu verschiedenen Locations. Wir
haben im November gedreht und man konnte im Meer schwimmen. Es war
wunderbar romantisch. Das kennt man echt nur aus dem Film.


Du bist ja Schauspielerin…

Ich nenne das Darstellerin, weil ich es sonst etwas gemein fände. Denn
ich habe keine Ausbildung zur Schauspielerin. dafür muss man auf eine
Schauspielschule. Ich will das auch machen, aber dann mehr Theater als
Filme spielen. Wobei ich jetzt etwas am zweifeln bin. Mich hat am Film
immer etwas gestört, dass man immer wieder schlagartig emotional in
eine Szene rein muss. Und auch das ganze technische: Das man beim
Spielen immer eine Marke am Boden beachten muss, weil einen sonst die
Kamera nicht aufnimmt. Dann sind auch oft die Drehbücher nicht so gut
und viel Kommerz ist dabei. Beim Theater ist das anders. Man bekommt
viel weniger Geld dafür. Da machen es die meisten einfach aus
Leidenschaft. Das ist mir wichtig. Wobei es mich inzwischen auch reizt,
die plötzliche Emotionalität von Filmszenen aufzubringen. Ich will es
also kombinieren, erst Theater und dann auch Filme.


Du hast damit ja einen Weg eingeschlagen, von dem Millionen Jugendliche
in Deutschland träumen. Durch die ganzen Casting-Shows wird das noch
gefördert. Wir vom REBELL sind  der Meinung, dass der Jugend damit
Illusionen gemacht werden. Einerseits ist es total schwer
Ausbildungsplätze zu finden. Dann bieten die einem die „Chance“ ein
Star zu werden. Wenn man dann durchfällt, ist man an seiner Situation
selbst Schuld. Wie siehst du das?

Klar, es ist ein bisschen wie der „American Dream“. Es wird so getan,
wie wenn das Glück nur auf der Straße liegt und man es sich nehmen
muss. Und wenn man das nicht macht, ist man selbst dran Schuld. Aus dem
Grund werden die ganzen Jungstars auch so promotet. Und dann wird so
getan, als ob Superstars bei Dieter Bohlen gemacht werden. SUPER-Stars!
Und nach drei Monaten kennt die keiner mehr. Die Medien machen da etwas
anderes daraus als es ist. Die beleuchten nie die Schattenseiten. Vor
allem ist das harte Arbeit, das wird nie gesagt. Bevor man einen Film
drehen kann, muss man erst ans Theater, finde ich . Aber auch wenn die
Medien das verdrehen, lasse ich mich nicht davon abbringen. Dafür liebe
ich das spielen viel zu sehr. Mir ist auch egal, ob jemand meinen Namen
kennt. Mir sind Rollen wichtig, die für mich interessant sind, an denen
ich mich reiben kann. Als Kind hatte vielleicht jeder mal den Wunsch
Schauspielerin zu sein, zu Ruhm zu kommen. Aber wenn man es dann macht,
merkt man, dass das vielmehr ist: Harte Arbeit, dass man sich mit
Literatur auseinander setzen muss und so. Von den Medien wird nur der
Ruhm behandelt. Und klar, da muss man gegen gehen.


Besteht die Gefahr, dass du abhebst?

Mein Vater würde nie zulassen, dass ich abhebe. Nach einem Dreh falle
ich oft in ein Loch. Aber dann diskutieren wir über meine Gefühle. Ich
glaube, ich bin ein Mensch, der schnell abheben kann. Aber es ist gut,
dass ich mir das eingestehe. Ich hatte da mal so ein Hollywood-Projekt
mit dem Regisseur Joel Schumacher (Batman&Robin). Das wäre eine
ziemlich große Rolle gewesen. Und die Chancen waren ziemlich groß, dass
ich sie kriege. Aber zum einen hat mir das Drehbuch nicht so gut
gefallen. Und zum anderen hatte ich Angst, dass ich auf dieser
Hollywood-Schiene abhebe. Ich war 16 und dann kommt die ganze Promotion
für solche Filme. Aber ich will nicht abheben. Ich will das alles der
Kunst wegen machen. Ich habe auch immer Angst, dass die Leute denken,
dass ich eingebildet bin, weil ich ein paar Filme gedreht habe.


Hier in Bochum beim Solidaritätszelt der Nokia-Kollegen habe ich auch
eine Grußadresse von dir gelesen. Warum findest du als Schülerin es
wichtig, die Nokianer zu unterstützen?

Weil ich es einfach total ungerecht finde. Dort sind besonders viele
Frauen beschäftigt. Also trifft das auch tausende Familien. Mit der
Solidarität zeige ich, dass das nicht nur die dort Beschäftigten was
angeht, sondern auch mich. Man darf sich einfach nicht alles gefallen
lassen.


Und wie ist insgesamt die Meinung in deiner Klasse?

Mit einer Freundin war ich bei der Demo der Nokia-Kollegen. Und es gibt
auch ein paar, die sich politisch interessieren. Aber das ist nicht die
Mehrheit. Die anderen beschäftigen sich mehr mit sich selbst. Mit Mode
oder Sex. Die Hauptfrage ist immer, ob man glaubt, dass man was ändern
kann. Wenn man sagt „Man kann eh nichts ändern“, dann lähmt einen das
so. Dann soll man es wenigstens versuchen. Ich versuche was zu machen,
weil ich Hoffnung habe. Und ich denke, dass sich hier was verändern
kann. Wenn ich dann aber gefragt werde: „Ja, was machst du?“, kann ich
ja nicht sagen „Nichts“. Also mach ich was, und wenn andere auch so
dran gehen sind wir schon fünf und so weiter.


Und was hältst du vom REBELL, unserem Jugendverband?

Ich habe jetzt nicht so viel mit euch zu tun. Ich kenne ein paar, die
bei euch dabei sind. Die Rebell-Party, wo ich letztes Jahr mal war,
fand ich klasse, weil da Spiele zusammen gemacht wurden. Und den
Zusammenhalt finde ich ganz wichtig und dass Jugendliche überhaupt was
machen.


Ich habe gehört, dass du mit welchen vom REBELL aus Bochum mal über die Rotfüchse, unsere Kinderorganisation, gestritten hast.

Oh ja, das ist ein heißes Thema (lacht). Aber ich habe da inzwischen
meine Meinung geändert. Ich habe da auch mit meinem Vater drüber
geredet. Es ist ja richtig, dass man gegenwirken muss. Denn die Kinder
werden ja auch vom Kapitalismus, durch die Medien beeinflusst. Trotzdem
habe ich noch irgendwie die Angst, dass man den Kindern etwas in den
Mund legt, und es vielleicht ein bisschen zu früh für sie ist.
Manchmal habe ich aber auch den Eindruck, dass die Rebellen ein
bisschen überheblich sind gegenüber Außenstehenden. Wenn man politisch
noch nicht so durchblickt und mal eine Frage stellt, bekommt man die
Antwort, dass man sich halt mal informieren soll. Aber deswegen habe
ich ja gefragt. Das finde ich dann etwas ärgerlich. Aber mit den
Rebellen, die ich kenne, kann ich mich sehr gut unterhalten.
Bei mir ist es halt so, dass die ganzen Ungerechtigkeiten mehr etwas
Theoretisches sind. Ich komme aus einem bürgerlichen Elternhaus, wir
haben keine finanziellen Probleme, und ich habe nie erfahren müssen von
Hartz IV zu leben. Ich sehe das dann nur bei anderen, während an mir
direkt keine Ungerechtigkeiten ausgeübt wurden. Ich muss mich dann
immer etwas entschuldigen, aber ich muss mir das theoretisch
erarbeiten, die Situation hinterfragen um zu merken, dass mich das auch
betrifft. Aber ich versuch dann ja auch was zu machen. Und ich will
das, was der REBELL macht, auf keinen Fall schlecht reden.


Deine Kritik nehme ich durchaus an. Wir haben auch beim
„Rebell“-Magazin manchmal das Problem, dass wir politisch zu viel
voraus setzen, zum Beispiel als ob jeder Jugendliche in Deutschland
wüsste, was genau eine Gewerkschaft ist. Damit sagt man dann aber
indirekt: „Jeder, der das hier nicht versteht, ist zu blöd für den
REBELL.“ Aber das ist gar nicht unser Ziel.

Ganz anders war das beim Nokia-Aktionstag. Da war das Flugblatt von der
MLPD mit Abstand das beste. Ich bin nicht politisch bewandert. Ich
finde diese Sache mit Nokia einfach nur ungerecht und ging deswegen zum
Aktionstag. Und dieses Flugblatt war einfach von klein auf aufgebaut.
Das hat es mir ganz viel klar gemacht. Es hat sich wirklich mit den
Strukturen, die ich im Kopf hatte auseinander gesetzt und Antworten
gegeben auf die Fragen, die ich hatte. Zum Beispiel die Frage, ob man
jetzt sein Nokia-Handy weg werfen soll, ob Nokia-Boykott jetzt
vernünftig ist? Da hatte das Flugblatt einfach genau die Antwort, die
nötig war, ganz konkret.


Weil unser „Rebell“-Magazin diesmal um die Liebe geht: Was ist das für dich?

Oje, da fragst du die Falsche. Vertrautheit bei der Liebe. Dass der
andere auch die kleinen Dinge im Leben von einem weiß, zum Beispiel,
dass man in der Dusche gerne singt. Das ist eine tiefe innere
Verbundenheit, die nicht unbedingt mit dem Status Beziehung zusammen
hängen muss. Aber ich weiß nicht, ob Liebe generell so wesentlich ist,
Zufriedenheit ist wichtiger.


Herzliche Dank für das Gespräch.


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3 Responses to Interview mit Nora Quest

  1. Alex says:

    Hoy han sustituido los aviones y las bombas por decretos y leyes. No nos matan al instante, lo hacen poco a poco, es como un garrote vil que van apretando lentamente ( o no tan lereemtnta)Cneo recordar que los que hoy nos gobiernan están por condenar al régimen que propició la masacre de Gernika.

  2. Ben (71)-I just wish my daughter’s English teacher would come to school.“Blue Ribbon” HS, natch.I also wish my daughter’s history teacher knew something about history.

  3. When this happens to me, which has been quite often, I remember I dreamt the whole situation down to even knowing what I was going to say. It has never been that I did it before, but jogs my memory of my dream. That might sound weird, but I have often had dreams about future life situations. Being a Christian, I believe in the spiritual nature of human beings and that God can interject into our lives in mysterious ways.

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