Published on Dezember 31st, 2007 | by Esitileti296

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„Ich wuchs in der Sowjetunion auf…“


Sergej aus Düsseldorf hat seine Oma befragt, die in der sozialistischen Sowjetunion aufwuchs. Einen Teil haben wir bereits im Rebell-Magazin abgedruckt. Hier nun das vollständige Interview:

Wie hast du und deine Familie die Kriegszeit erlebt?

Also bevor ich zum Krieg selbst komme, muss ich ein paar Worte über die
Lebensumstände in der Sowjetunion sagen. Ich erinnere mich noch
ziemlich gut als mir meine Mutter von den Hungerjahren 33-35 erzählt
hat. Es gab insgesamt wenig zu essen und eine Aktion in unserem Lande
rief dazu noch auf, Brot für Deutschland zu spenden …


Wie hast du und deine Familie die Kriegszeit erlebt?

Also bevor ich zum Krieg selbst komme, muss ich ein paar Worte über die Lebensumstände in der Sowjetunion sagen. Ich erinnere mich noch ziemlich gut als mir meine Mutter von den Hungerjahren 33-35 erzählt hat. Es gab insgesamt wenig zu essen und eine Aktion in unserem Lande rief dazu noch auf, Brot für Deutschland zu spenden, weil wir dachten den Arbeitern in Deutschland ging es noch dreckiger. Da waren in der Tat Arbeiter, die das eine oder andere Mal auf ihr Pausenbrot verzichteten, in der Hoffnung irgendeine Hilfe leisten zu können.
Schließlich kam im Nachhinein heraus, dass Spione die Aktion ins Land gerufen hatten und die Spenden nicht nach Deutschland geschickt hatten, sondern allesamt verbrannt wurden.
Die Bourgeoisie im Ausland unterstützte diese Extremisten; Riesige Weizenfelder wurden niedergebrannt, um das junge Sowjetregime zu stürzen.
Nun die Lage hatte sich um 40 schon entspannt, aber der Schmerz blieb noch lange.
Und dann kam auch schon der Krieg! In einer Zeit wo die gesamte Armee umstrukturiert wurde und alte Waffen vernichtet wurden. Ja in diesen Jahren sind viele junge Soldaten gefallen.

Was wurde im Krieg unternommen?

Man hat den Menschen 1-2 Tage Zeit gegeben ihre Koffer zu Packen, um evakuiert zu werden. Alle Einwohner des Westens wurden nach Sibirien gebracht, um dort neu anzufangen. Jedoch immer in der Hoffnung zurückkehren zu können. Meine Familie musste das Dorf Rosental verlassen. Später nach dem Krieg ist mein Vater noch einmal dahingefahren, weil ihm wichtige Papiere fehlten. Als er zurückkam erzählte er, dass jenes Dorf nicht mehr existiere. Alle Gebäude wurden mit sämtlichen Kriegsverwundeten, die dort Unterschlupf suchten, niedergebrannt.
In Sibirien waren 9 Nationen evakuiert worden. Jeder hat gewusst in welcher Situation wir uns befanden und jeder hatte Verständnis für die Umstände der anderen.
Vor allem Kinder wurden während des Krieges die größte Aufmerksamkeit geschenkt. Im Sommer wurden sie in Pionierlager gebracht, wo sie Kleidung, Essen und eine ordentliche Bildung bekamen. Mein Bruder war zu der Zeit ein krimineller Raufbold. Die Kommunisten haben ihn in eine Berufsschule geschickt (ob er wollte oder nicht). Er hat eine Ausbildung als Elektriker absolviert und wandelte sich seitdem zu einem fleißigen Arbeiter.

Wie ging es dann in Sibirien weiter?

Nun ja da kamen natürlich auch bürgerliche Familien mit viel Geld und Gold hin und kauften sich Land und Kuh. Ich habe im Krieg für so eine Familie gearbeitet, die mir als Entlohnung eine warme Malzeit gab. Den ganzen Tag habe ich auf mehrere Kühe aufpassen müssen. Am Ende des Tages wartete ich und meine Schwerster auf die erlösende Malzeit und jedes mal verzögerte die Frau die Zubereitung in der Hoffnung , wir würden nicht so lange warten. Ich habe sie gehasst. Aber es war Krieg und es gab nichts zu essen.

Es gab doch Lebensmittelbons?

Ja jeden Monat haben wir eine Lebensmittelkarte für den ganzen Monat bekommen. Wir haben sie in 10 Teile zerschnitten, damit, wenn eins Mal verloren ging wir nur 3-5 Tage kein Essen bekamen.  Wenn man für einen Tag verpasst hatte Lebensmittel abzuholen, hat man diese Ration nicht mehr einlösen können.
Aber im Verlauf des Krieges wurden die Rationen immer weiter aufgestockt, sodass die Leute auch in den schlimmsten Jahren des Krieges optimistisch und solidarisch waren.

Wie war das mit den Intellektuellen und Wissenschaftlern?

Also eine Bekannte von mir war Physikerin. Die Regierung hat sie im Krieg nach Sibirien geschickt – in die militärischen Entwicklungsstätten mit vielen anderen Intellektuellen. Unter strengster Geheimhaltung wurden dort die Katjuscha, der T-34, Flugzeuge und die Kalaschnikow entwickelt. Die Wissenschaftler durften nur begrenzt unter einander reden, um Sabotage zu vermeiden. Obwohl viele unfreiwillig dort waren, konnten sie nicht meckern, denn die Verpflegung dieser Wissenschaftler war die beste im gesamten Land.
Heute schreiben die Zeitung, dass diese Intellektuelle in Zwangslager mit Kriegsgefangenen gesteckt wurden, was absolut falsch ist.

Hast du irgendetwas von den Hilfslieferungen aus den USA und England mitbekommen?

Eigentlich nicht sonderlich viel. Ich hab nur einmal in der Zeitung gelesen, dass da duzende von unbrauchbaren amerikanischen Panzern ankamen. Sie konnten  gerade einmal nach vorne und hinten fahren; mit Ausweichen nach Links oder Rechts war da nicht viel, denn der gesamten Lieferung fehlte die mechanische notwendige Vorrichtung.
Aber unabhängig von den Lieferungen war uns von Anfang an klar, dass wir nur aus eigener Kraft den Krieg gewinnen konnten. Auf die Alliierten konnten wir nicht bauen.

Wie hast du das Ende des Krieges erlebt?

Ich erinnere mich noch ganz deutlich an einem sonnigen Tag des Jahres 1945, als ich draußen bei der Feldarbeit geholfen habe. Plötzlich sah ich, wie mehrere sowjetische Kampfflugzeuge im Tiefflug millionen von Flyern abgeworfen haben, auf denen stand: „Das Sowjetische Volk hat gesiegt! Der Krieg ist vorbei“
Allen die gerade in der Gegend standen, liefen die Tränen vor unbeschreiblichem Glück und endloser Freude. Jeder umarmte jeden. Das gesamte Volk vor in unglaublicher Feststimmung. Jeder wusste nun, dass es Berg auf geht.
Zu der Zeit kamen auch sehr viele deutsche Kriegsgefangene nach Sibirien. Sie waren dreckig und hatten Läuse. Als erstes wurden ihnen die Haare geschnitten und anschließend durften sie im Grüppchen unter die Banja, eine Art Dusche. Das war wie in einem Industriebetrieb – alles nach strengen Zeitvorschriften. Nach der Dusche bekamen sie Arbeitskleidung und mussten sofort in die Arbeitslager.
Obwohl meine Mutter ferner deutscher Abstammung war, hatte sie niemals zugegeben Deutsche zu sein.

Was kannst du über Stalin erzählen?

Ja Stalin war ein äußerst kluger Mann. Jeder im Lande hat ihn verehrt. Was heute in Geschichte gelehrt wird entsprich nur zur Hälfte den Tatsachen.
Um das Jahr 39 habe ich viele sowjetische Zeitungen gelesen, die sich dieser Sache anvertrauten. Meiner Meinung nach hat Stalin dieses schreckliche Kapitel nicht zu verantworten, weil die Repression im Ausland durch Spione organisiert wurde.
Diese sind unter dem Oberbegriff der „Troika“ im Lande bekannt. Zu dieser Troika gehörte Bucharin, Jeschow (englischer Spion) und noch ein anderer. Sie waren in der Partei fest verankert, führten gleichzeitig systematisch die Säuberungsaktionen gegen Intellektuelle durch. Teilweise wurden auch ganz normale Arbeiter hingerichtet, um nicht den Verdacht zu erwecken, dass Intellektuelle das Ziel waren. Dies alles hatte den Zweck die Köpfe und Entwickler, Ingenieure, Wissenschaftler und Chemiker zu liquidieren und die Sowjetunion in ihrer gesamten Entwicklung zu schwächen und schließlich zu untergraben.
Eines Tages im Jahre 38 bekam Stalin ein anonymes Schreiben, in dem diese „Troika“ aufgedeckt wurde.
Er ließ sofort nach den Schuldigen suchen, bei denen der eine nach Südamerika floh und sein Gesicht operieren ließ, um nicht erkannt zu werden. Alle drei wurden gefangen genommen, vor Gericht gestellt und erschossen.

Wie hast du Stalins Tod persönlich empfunden?

Nicht nur ich, sondern das gesamte Land litt Trauer. Ich hatte am 3. März Geburtstag, doch meine Mutter hat mir gesagt, dass das gesamte Land jetzt trauere und so blieb die Feier aus.
Viele meiner Bekannten sind damals nach Moskau gefahren um Stalin die letzte Ehre zu erweisen. Damals wurde er im Mausoleum bestattet – gerade neben Lenin. Zu Chrustschws Zeiten wehte dann ein anderer Wind über die Geschichte Stalin, sodass sein Leichnam von dort entfernt wurde.

Als was hast du angefangen zu arbeiten?

Da ich durch den Krieg nur die Grundschule und noch ein paar weiterführende Klassen besuchen durfte, hatte ich mich entschlossen eine Ausbildung im Bergwerk anzufangen.
Ich bekam einen für damalige Verhältnisse guten Lohn.
Im Stollen hatte ich die Aufgabe gehabt 9 Wasserpumpen zu überwachen und zu reparieren. Es war kein harter Job, aber man musste viel laufen und im Fall der Fälle gab es ordentlich zu tun.
Zudem waren die Sicherheitsvorschriften enorm und diejenigen, die gegen diese verstießen, mussten mit der sofortigen Entlassung und einem unangenehmen Vermerk im persönlichen Arbeitsbuch rechnen.
Jeden Tag vor Schichtbeginn kam der Leiter des Bergwerks und unterrichtete uns über Bergwerkvorfälle im gesamten Land. Er appellierte an unsere Verantwortung gegenüber unseren Kumpeln und wünschte uns viel Erfolg.
Bemerkenswert habe ich den Einsatz von hochwertigen technischen Maschinen in den 50er gefunden. Da wurden die Kumpel bei Vorschriftsmäßigem 6- Stunden-Tag sehr entlastet.

Was konntest du dir für einen Monatslohn kaufen?

Das kann man nicht recht sagen, weil der Lohn nach dem Krieg ständig stieg. Aber eins kann ich sagen; dass die Minenarbeiter einen der höchsten Löhne bekommen hatten und vor allem die höchste Rente des Landes. Es existierte keine höhere Rente im gesamten Land.
Mit 45 durfte ich als Frau schon in Rente gehen; Männer schon mit 50. Wo findest du das noch heute?
Unter Chrostschow und dem Kalten Krieg mussten wir einstecken. Jeder hatte Angst vor einem neuen Krieg und war sich der Gefährlichkeit der Lage bewusst. Aus diesem Grund hatte sich auch keiner beschwert, wenn da mal eine Gehaltserhöhung ausblieb.

Was war denn unter Chrustschow noch anders?

Ja der hat ein Programm gestartet das die Fleischproduktion erhöhen sollte. Überall wurde Mais angebaut, doch der Ertrag blieb wegen eines schlechten Jahres mager. Gleichzeitig hatte man versäumt vermehrt Weizen anzubauen. Der Nahrungsmittelmangel war zu spüren.
Dann hat sich Chrustschow öffentlich im Fernsehen für die Fehlkalkulation beim Volk entschuldigt und das war in meinen Augen schon viel Wert.
Kein Politiker, der heute Mist baut entschuldigt und rechtfertigt  sich beim Volk.
Dann war da noch die Reformation der Geschichte über Stalin. Chrustschow hatte eindeutig eine Linie gegen Stalin eingeschlagen, worin ihm einige zustimmten, viele aber auch ablehnten. Das Volk war in dieser Hinsicht gespaltener Meinung. Was ich persönlich über Stalin denke habe ich ja bereit erwähnt.

In der Sowjetunion gab es akuten Wohnmangel. Kannst du uns erklären wie dieses Problem gelöst wurde?

Also in der Sowjetunion gab es einen chronischen Wohnungsmangel, was daran lag, dass viele Menschen in der Stadt leben wollten.
Ein gewisses Wirtschaftsprogramm hat jedoch dazu beigetragen dass die Städte entlastet wurden und um die Kolchosen neue Dörfer entstanden. Vor allem Junge Leute zogen dahin, hatten Arbeit,  Haus und Hof.  Solche Dörfer darf man sich nicht einseitig vorstellen. Da gab es Restaurants, Kino, Theater und auch eine Circuszelt. Jedes Dorf hatte auch einen Klub, in dem ständig kulturelles Programm für wenig Geld lief. Alles war von vorne bis hinten durchorganisiert und man kann sagen, dass das Volk die beste kulturelle Bildung hatte.
Reisen konnte man natürlich auch. In der Sowjetunion existierten nur Großbetriebe, die ihre eigenen Ferienanlagen für die eigenen Arbeiter hatten. Diese Reisen waren so spottbillig, dass sich jeder Arbeiter erlauben konnte im Jahr zweimal zwei Wochen in den Urlaub zu fahren.

Welche Stellung hatte die Gewerkschaft?

Die Gewerkschaft war eine äußerst starke Organisation. Wann immer Menschen Probleme hatten, die Gewerkschaft war immer zu Stelle. Wenn man Geldprobleme, Probleme in der Familie und sonstiges hatte, die Gewerkschaft hat dir sofort geholfen.
Selbst Alkoholiker mussten arbeiten und wurden von dem Gewerkschaftsbus nach der Arbeit in eine Entziehungsklinik gebracht. Sie haben schnell mit dem Alkohol aufgehört, denn die Demütigung ist groß, wenn man mit einem Extrabus zur Arbeit gebracht und dann abgeholt wurde. Jeder wusste sofort bescheid, dass du Alkoholiker bist.
An die Gewerkschaft gebunden war auch eine Art Jugendamt. Bevor eine Lehrerin eine neue Grundschulklasse bekam, musste, sie bei allen Eltern zu Hause gewesen sein, um Kinder und ihre Lebensverhältnisse einzuschätzen. Schule, Eltern und Gewerkschaft pflegten engen Kontakt – wer Schule schwänzt wurde gezwungen zur Schule zu gehen. Aus diesen Schülern wurden nach der Ausbildung noch äußerst gute Arbeiter, die im Nachhinein noch aufgeblüht sind.

Was hältst du von dem System in Deutschland im Vergleich zu damals?

Es ist ziemlich erschreckend zu sehen wie viele junge, kräftige und arbeitswillige Menschen keine Arbeit finden. Man braucht nicht einmal weit zu reisen, um Missstände zu lokalisieren. Wie weh es mir tut, wenn ich am Hauptbahnhof so viel Obdachlose und Jugendliche sehe, die umher lungern, weil sie nichts zu tun haben. Und wenn ich nicht zuletzt im Fernsehen von irgendwelchen Spendenaffären in Millionenhöhe höre, die Politiker einheimsen.
Nein, so etwas habe ich zum ersten Mal hier erlebt. Zu Zeiten Stalins und weiter hatten sowjetische Politiker kein höheres Einkommen als das eines gut bezahlten Arbeiters. Wenn jemand der Untreu bezichtigt wurde, so konnte man damit rechnen, dass er des Amtes enthoben wird. In solchen Fällen wurde da nicht großartig viel diskutiert. Wenn der Verdacht sich bestätigt hat, wurde ein Politiker zu mehreren Monaten Feldarbeit verurteilt. Das hat ihm nicht zuletzt gezeigt wie hart körperliche Arbeit ist.
Hierzulande werden die Politiker für die Verbrechen am Volk nicht einmal verurteilt.
Und ich bin mir sicher, dass sich die Massen so etwas auf Dauer nicht gefallen lassen werden!

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