Published on Februar 6th, 2007 | by Esitileti296

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Neonazis wollen Heimkinder vertreiben

06.02.2007 (Korrespondenz Haldensleben): 40 Jugendliche marschieren von einem Parkplatz in Richtung eines Kinderheim auf und fordern lautstark dessen sofortige Schließung. Schon im Vorfeld kursieren Flugblätter, die einen völlig abgemagerten Hund abbilden und die Aufschrift tragen: „Olln gegen Wauzis – Wollt ihr ein reines Olln, frei von elternlosem Dreck? Dann mach mit!“ So geschah es am Sonnabend, dem 27. Januar, in Althaldensleben, einem Stadtteil von Haldensleben (Sachsen-Anhalt, zirka 20000 Einwohner), genannt „Olln“.

Als persönliche Auseinandersetzung zwischen Heimkindern und
Sekundarschülern sieht dies laut einer Tageszeitung der
Vizebürgermeister. „Es ist nicht auszuschließen, dass unter den
Jugendlichen welche mit rechter Motivation waren“, verniedlichte es die
Polizei. Und der Stadtjugendpfleger monierte gar: „Durch so etwas wird
die ganze Jugendarbeit der Stadt zerstört und in Verruf gebracht. So
geht das nicht!“ Doch mit Schimpfen und Fluchen über das Publik werden
derartiger Aktionen und durch das Schieben auf persönliche
Streitigkeiten ist das Thema nicht abgetan. Im südlichen Rand der
Kreisstadt brodelt es schon länger.

Linke und Alternative haben nichts zu lachen
Jugendliche
aus alternativen und linken Kreisen, die sich in diesem Stadtteil
auskennen oder gar dort leben, können fast schmunzeln über derartige
Darstellungen. Allein geht von ihnen kaum einer im Dunkeln zu Fuß durch
Olln. Zu oft ist schon etwas passiert, meist gewalttätige Angriffe,
deren rechtsextremer Hintergrund nicht zu leugnen ist und die gar nicht
erst ans Tageslicht kommen, da sie aus Angst nicht angezeigt werden.
Beleidigungen und Angriffe auf Heimkinder sind schon gar nicht neu.
„Die finden schon statt, seit es das Kinderheim gibt“, weiß man. Der
Spitzname „Wauzi“ für ein Heimkind existiere nicht erst seit gestern.
Er sei aus einem Film abgekupfert worden, in dem herrenlose Hunde, die
in einer alten Villa leben, so genannt werden.

Organisierte rechte Aktionen als Kinderspielchen abgetan?
„Wenn
etwas passiert, wird herumgewettert und bedauert, man bekommt plötzlich
Angst um den Ruf eines Stadtteils und dann wird die Tränenschublade
wieder zugeklappt“, so der Kommentar eines Jugendlichen. Als zu
Halloween mehrere Neonazis in Ku-Klux-Klan-Kostümen auftauchten, sei
das glatt von der Polizei als Kinderspielchen abgetan worden. Erst, als
man kurz vor Weihnachten rund um Olln befestigte Flyer mit der
eindeutig faschistischen Parole „Hier beginnt die arische Zone –
Ausländer und anderer Dreck haben keinen Zutritt“ fand, schien man sich
(notgedrungen?) durch entstandene Öffentlichkeit etwas mehr dafür zu
interessieren, was in Althaldensleben „gespielt“ wird.

Neonazis in Olln nicht erst seit gestern
Eins
ist Fakt: Die Neonaziszene ist gut organisiert. Rechtsextremistisches
Gedankengut kreucht und fleucht nicht erst seit gestern in
Althaldensleben herum. „Vor mehreren Jahren war es schon einmal richtig
schlimm. Einige sind aber wegen Straftaten durch eine Massenanzeige
mehrerer Jugendlicher und deren Eltern verknackt worden. Doch jetzt
scheinen die Nachwuchsnazis groß rauskommen zu wollen“, wird berichtet.
Als „Jung-“ oder „Nachwuchsnazis“ wird in Jugendkreisen der nicht zu
knappe jugendliche Nachwuchs der rechten Szene bezeichnet. Jetzt seien
die so weit, dass sie mit anderen Kameradschaften und rechten
Gruppierungen aktiv zusammenarbeiten, wird nicht zu Unrecht vermutet.

Rechte Tendenzen schon zu DDR-Zeiten
Dass
es in Althaldensleben schon lange eine rechte Jugendszene gibt,
bezeugen sogar ältere „Insider“. „Damals, in den späten Achtzigern,
also noch zu DDR-Zeiten, fuhren wir bereits dorthin zum „Tanzen“, um
die Disko nicht den Glatzen zu überlassen. Schlägereien waren da Gang
und Gebe. Wer nicht in das Bild einiger passte, wurde von denen oft gar
nicht erst reingelassen“, berichtet ein heutiger Mitdreißiger. „Jeder,
der damals nach Ausländer, Punk, Popper oder einfach nur alternativ
aussah, wurde beleidigt und nicht selten auch angegriffen.“ Schon zu
dieser Zeit habe Olln einen Ruf als „Glatzenviertel“ weggehabt, doch
hingeschaut habe niemand aus den oberen Kreisen.

Terror gegen anders Denkende
Im
Dritten Reich wurde Grausamstes in die Tat umgesetzt. Juden, Ausländer,
Kommunisten, Sozialisten, ja alle, die nicht in das faschistische
Weltbild passte, wurden weggeschafft und zum großen Teil ermordet.
Nachdenklich stimmen und zum Handeln bewegen sollte allein schon die
Tatsache, dass es Menschen gibt, die solche Gedanken im Kopf
herumtragen. Wenn Migranten, Alternative, Linke, Punks und Heimkinder
aus Angst vor Angriffen nicht mehr allein auf die Straße gehen können,
wenn zu deren „Wegschaffung“ oder zum „Nichtdulden“ aufgerufen wird,
sind das eindeutig faschistische Parolen. Mit „Weichreden“ und Angst
davor, dass ein Stadtteil in Verruf geraten könnte, wird nur vertuscht,
nichts klar angegangen.

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