Published on September 20th, 2006 | by Esitileti296

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»Ich wusste nie, ob ich ein Hasenherz oder ein Löwenherz habe!«

Interview mit dem Antifaschisten Peter Gingold (Mitglied des VVNBdA und der DKP)

Am 14. April haben wir in Kassel einen Antifaschistischen Tag gemacht. Es haben 16 Jugendliche teilgenommen. Nach einem Power Point Vortrag vom REBELL über das Verbot aller faschistischen Organisationen kam Peter Gingold. Er ist 90 Jahre alt und ein Zeitzeuge des Faschismus. Er arbeitete im antifaschistischen Widerstand, den sogenannten »Maquisarden« in Frankreich mit. Maquisarden heißt eigentlich »die im Gebüsch sind«, denn es waren Partisanengruppen. Lebendig schilderte er uns sein Leben und den Widerstand, hier ein paar Auszüge aus dem Gespräch mit ihm:

Wie hast Du die Zeit des Faschismus erlebt?
Wir waren ein achtköpfige Familie, und nachdem Hitler an der Macht war, sind wir mit den Eltern nach Frankreich geflüchtet. Meine Eltern waren ziemlich unpolitisch, aber sie sahen sich verfolgt aus rassistischen Gründen. Ich war 17 Jahre alt und konnte kein Wort französisch. Die politisch Organisierten haben die Jugendgruppe FDJ mit Willi Brandt in Paris gegründet. Es ist wichtig, alle Jugendlichen, die antifaschistisch sind, zusammenzuführen.

Diese Gruppe gehörte zu den Ersten, die in den Widerstand gegangen sind, und an der Resistance (Widerstandsbewegung) teilgenommen  haben. Die Bevölkerung in Frankreich lebte im kollektiven Bewusstsein der Resistance. Als die deutschen Truppen für uns überraschend  in Paris einmarschierten, kam unsere erste Tochter zur Welt. Keiner konnte sich vorstellen, dass Frankreich in 38 Tagen eingenommen  wird. Alle waren auf der Flucht und Paris war entvölkert.

Unser Kind war 2 Jahre alt, da  mussten wir es verstecken. Aber wo? Es gab eine Organisation, die die bedrohten Kinder bei Bauern an der Marne (Fluss  in Frankreich) mit falschen Papieren versteckte. So hat unser Kind überlebt. Deswegen  konnte meine Frau mit mir in den Untergrund gehen. In den Untergrund gehen  bedeutet nicht, dass wir den Kanaldeckel aufmachten und rein sind. Wir durften  nicht mehr nach Hause gehen, hatten falsche Papiere, mussten unsere Identität verändern. Wir wussten, dass wir unser Leben  riskierten.

Als die Resistance sich entfaltete, hat es längere Zeit gedauert, bis sie  zu einer Massenbewegung wurde. Ihr erlebt ja heute, was in Frankreich los  ist. Ihre Mentalität, dass sie schnell bereit sind sich zu engagieren. Dadurch entstand die Massenbewegung, die auch Waffen  hatte.

Maquis heißt das Wort; man nannte sie die Maquisarden. Sie mussten mit standrechtlicher Erschießung rechnen, und hatten kein Recht, als Kriegsgefangene behandelt zu werden. Ihre Hauptmethode war, die Züge  zu entgleisen. Ich war eingesetzt in einem riesigen  Gebiet in Ostfrankreich, meine Frau in Paris. Die Schienenschlacht wurde es genannt, wir haben die Kanalschleusen und Schienen gesprengt und die LKWs überfallen. Wir waren 2000 Mann, und meine Aufgabe war, im Wesentlichen die deutsche Bevölkerung über die Verbrechen, die die Nazi Wehrmacht gemacht hat, aufzuklären und sie zu warnen, sich daran zu beteiligen, und sie aufzufordern, die Resistance zu unterstützen.

Ich habe organisiert in dem Gebiet, bin dabei in einer Kette von Verhaftungen gefangengenommen und schlimm gefoltert worden. Bei meiner Vernehmung, wurde mir unterstellt, ich sei der Chef der Bewegung in der Region. Ich habe das nicht bestritten und nicht bestätigt und so haben sie geglaubt ich sei der Chef. Das war mein Glück, denn ich war für sie wichtig. Wenn sie mich zum Sprechen bringen, haben sie die Chance, die ganze Zentrale der Resistance auszuheben.

Ich wusste, dass ich zum Tode verurteilt bin. Da ich nicht geredet habe, ging die Folter los. Andere sind zu Tode gefoltert worden, aber ich war zu kostbar. Die Hauptmethode meiner Folter bestand darin, daß ich im Eisenbett angekettet und angespannt wurde. Die Arme schwellen an vor Schmerz, wenn man so liegt, man kann  nicht schlafen, ich wurde nur gelöst um aufs Klo zu gehen, zum Essen oder zur Vernehmung.  Ich musste mich nackt ausziehen, auf den Boden legen und wurde aus- gepeitscht, weil sie mit mir nicht weiterkamen. Ich war im Militärgefängnis Dijon, danach bin ich nach Paris zur Gestapo  gekommen.

Dort war ich ungefesselt in einer Einzelzelle. Da dachte ich mir einen Plan aus. Sie halten mich für wichtig, ich  kann sie austricksen. Ich bringe sie irgendwo hin. Wo wir gewohnt haben war ein großer Boulevard, dort kannte ich ein Haus, das einen Durchgang zur Parallelstrasse hatte. Das wussten nur die Nachbarn. Ich wollte erreichen, dass sie mich eine Minute  ungefesselt vor dem Haus stehen lassen. Da wollte ich die Tür zuschlagen und blockieren. Wenn sie einmal zu ist, kann man sie nicht mehr aufmachen von  außen. Bis die dann schellen und der Hausmeister reagiert, bin ich weg.

Als ich dann zur Vernehmung geholt wurde, wollten sie wissen wer mein Kontakt ist. Ich sagte eine Frau, ich weiß nicht wo sie wohnt, aber ich habe sie immer vor der Haustür an der Arbeit abgefangen. Das klang logisch, aber sie waren misstrauisch. Der eine flüsterte, »der will nur auf die Strasse«. Ich sagte, nur unter der Bedingung, dass ich das Versprechen bekomme, dass sie die Frau in Ruhe lassen. Ohne Garantie mache ich es nicht. Damit habe ich sie überzeugt. Ich wurde ins Auto gesetzt und es wurde mir gesagt, daß ich sofort erschossen werde, wenn ich etwas mache.

Wir kommen an, ich stehe vor der Tür, die 4 Personen waren in Zivil und zeigen dass sie ihre Revolver schussbereit haben. Sie beobachten mich, ich stehe vor der Tür. Da kommt der Hausmeister raus, schließt ab und ich habe das Glück, dass er jetzt nicht mehr zu Hause ist. Ich wusste nur nicht, wo der Apparat ist, der die Tür offen hält. Ich bin gesprungen, so dass meine Hand die Türkante entlang glitt, und ich erfasste einen Riegel, die Tür schlug zu. Ich konnte nicht weit rennen, aber ich war weg.

Ich bin dort wiedergeboren.  Wer verhaftet war, der wurde aufgegeben. Wer Glück hatte, ist deportiert worden ins KZ. Das war unsere Situation.

Wie habt ihr euch mit den damaligen Faschisten auseinandergesetzt und was rätst Du den Antifaschisten von heute?
Mit 15 habe ich mich mit der Hitlerjugend rumgeschlagen. Ich hatte einen Schulfreund, der in der Berufsschule war. Wir waren miteinander befreundet und haben diskutiert. Es gab eine Situation, wo unsere Kommunistische Jugend von einem Hitlerjugend- Führer zu einer Diskussion eingeladen worden war. Wir sind alle hin, und es waren 20 von der Hitlerjugend da. Der Führer hielt seinen Vortrag und wir durften unter einer Bedingung gegen reden: der Redner durfte kein Jude sein. Doch derjenige, der gesprochen hatte, war in Wirklichkeit Jude.

Wir haben uns geschlagen und diskutiert, danach gab es ein Verbot von der zentralen Leitung der Hitlerjugend. Die Diskussion verlief für uns gut. Zum Sozialismus sagte die Hitlerjugend, sie sind für den nationalen Sozialismus. Wenn ich in Schulen bin, sage ich, ich hätte genauso gut ein begeisterter HJ-Anhänger gewesen sein können, denn was die der Jugend angeboten hatten, hat sie begeistert. Die Hauptseite waren aber Straßenschlachten.

Heute würde ich mich hüten, zu einer Nazi Gruppe zu gehen, um zu diskutieren, denn sie könnten mich zusammenschlagen. Mit einzelnen würde ich immer diskutieren, um zu fragen, wie sie da rein geraten sind. Sie  kommen doch auf demselben Weg wie damals in die Szene. Sie fühlen sich aufgehoben. Zu Hause ist der Vater arbeitslos und dort sind sie dann wer. Ich war in einer  Berufsschule eingeladen. Da sagte man mir, dass es eine ganze Gruppe Neonazis gibt unter Schülern. Am Ende haben die mir Beifall geklatscht. Das sind Arbeiterjungs, die irgendwie da rein geraten sind.

Ich war bei einem Gewerkschaftsseminar zu diesem Thema eingeladen. Beim Mittagessen redete ich mit einem 17jährigen Lehrling aus einem Metallbetrieb. Er sagte, dass er vor 3 Monaten noch bei den Neonazis war und sie mit Ketten die Türkenlokale überfallen habe. Da hat ihn ein Kollege gepackt und gefragt, warum er das macht. »Weil die mir den Arbeitsplatz wegnehmen!« Da  erklärt ihm der Kollege, dass der Konzernchef die Arbeitsplätze vernichtet und nicht sein türkischer Kollege, und dass man zusammen kämpfen muss. Da hat er angefangen, sich zu schämen und ist in die Gewerkschaft eingetreten.

Man muss ihnen sagen, wer verantwortlich ist für die Arbeitslosigkeit und die Probleme, sonst überlassen wir es den Neonazis. Es verlangt Mut. Stehe ich alleine, werde ich angemotzt? Das kostet Überwindung. Ich wusste nie, ob ich ein Hasenherz oder Löwenherz habe. Man muss seine eigene Angst überwinden.

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