Published on September 13th, 2006 | by Esitileti296

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Ich will euch eine Geschichte von mir erzählen

Tina über Selbstzweifel und deren Gründe

Vor einer Weile bin ich sozusagen in eine Identitätskrise gerutscht. Selbstzweifel plagten mich, mein Selbstbewusstsein war gleich null. Ich wusste nicht mehr, warum mein Freund mich lieben könnte, warum mich meine Freunde schätzen und mögen, was ich eigentlich kann und richtig mache. Ich fühlte mich unattraktiv, zog mich von meinem Freund zurück und entzog mich auch seiner körperlichen Nähe. Als ich ihm erzählte wie es mir geht, bat er mich, auch mit einer Frau darüber zu sprechen.

Ein spezifisches Frauenproblem?
Zum einen konnte er es nicht so recht verstehen, zum anderen schien es ihm ein spezifisches Frauenproblem zu sein. Ich ging zu einer Genossin der MLPD, denn ich wusste, dass sie mir helfen würde, herauszufinden, woher diese Selbstzweifel kamen. Geholfen hat uns das Buch »Der Klassenkampf und der Kampf um die Befreiung der Frau« von Stefan Engel und Monika Gärtner- Engel. Ich habe das Buch schon vor ein paar Jahren gelesen und dachte bisher ich hätte alles klar. Aber dem war nicht so.

Wir arbeiteten folgendes heraus: Hauptsächlich hingen die Selbstzweifel damit zusammen, dass ein großer Druck auf mir lastete, wie ich zu sein habe: schön, sportlich, erfolgreich in den Dingen, die ich mache, natürlich, gute Figur, Power-Frau, klug, usw. Mein Frauenbild ist beeinflusst durch Werbung, Erziehung, Fernsehen, die zur Zeit dem Kapitalismus dienen. Dazu steht in dem oben genannten Buch: »Über Gefühle und Gewohnheiten wirken die modernen Ketten der bürgerlichen Moral, die wie ungeschriebene Gesetze das praktische Verhalten bestimmen. (…) Von klein auf werden besonders Mädchen mit Spielzeug wie der ›Barbie-Puppe‹ oder über spezielle Zeitschriften wie ›Bravo Girl‹ mit Schönheits-Normen unter Druck gesetzt und dazu erzogen, ihren Wert und ihr Selbstvertrauen vornehmlich aus ihrer Figur und ihrem Aussehen zu ziehen.« (Seite 70) Ich war bisher eigentlich der Überzeugung, dass ich über diesem Druck stehe. Schließlich bin ich im REBELL organisiert und kämpfe für den echten Sozialismus. Und trotzdem wirkt dieser Druck, auch wie eine Frau allgemein zu sein hat. Aber wieso habe ich irgendwie zu sein? Warum wird uns tagtäglich erklärt wie eine Frau, eine junge Frau, eine Mutter, eine Ehefrau zu sein hat? Und was passiert wenn wir feststellen, dass wir so nicht sind? Dann kommen Selbstzweifel und Versagerstimmung. Dafür war eine wichtige Hilfe, was in dem Buch steht: »Dazu muss man das Selbstbewusstsein der einfachen Frauen in der gemeinsamen Bewältigung ihrer persönlichen Alltagsfragen wecken und fördern. Die Frauen müssen insbesondere die Neigung überwinden, ihre persönlichen Probleme mit einem Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit oder mit falschen Schuldgefühlen zu verarbeiten. Sie müssen vielmehr lernen, die Staats – und Familienordnung als gesellschaftliche Ursache der Zerreißproben in ihrem Leben zu verstehen, ihre berechtigten Forderungen zu formulieren und den Kampf um sie zu organisieren.« (Seite 313)

Ich werde dadurch geradezu gelähmt
Hier ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, wie oft ich dieses Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit habe und mich dann unter Druck setze. Ich werde dadurch geradezu gelähmt. Ich mach das dann auch immer mit mir selbst aus, anstatt mich mit meinem Freund, Freundinnen und Freunden und Rebellen zu beraten. Als ich später mit Freundinnen darüber sprach, musste ich feststellen, dass es ihnen genauso oder ähnlich geht.

Ein großer Bedarf
Ich habe euch das alles erzählt, weil viele junge Frauen die Illusion haben, sie wären gleichberechtigt und frei. Ich war zwar vom Kopf her nicht dieser Meinung, aber vom Gefühl her. Mir wurde erst jetzt klar wie subtil die besondere Unterdrückung der Frau zum Teil wirkt. Ich denke im REBELL und unter Mädchen und jungen Frauen insgesamt ist ein großer Bedarf sich darüber auszutauschen und zu beraten. Das kommt im REBELL und im »Rebell«-Magazin oft noch viel zu kurz. Schreibt doch mal über eure Erfahrungen oder was ihr dazu denkt.

Herzliche Grüße, eure Tina


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