Published on Juli 25th, 2006 | by Esitileti296

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„Ein Verbot aller faschistischen Organisationen sind wir der Geschichte schuldig“

(Zweiter Teil des Interviews) Am 14. April haben wir in Kassel einen Antifa-Tag gemacht. Es haben 16 Jugendliche teilgenommen. Nach einem PowerPoint- Vortrag vom REBELL über das Verbot aller faschistischen Organisationen kam Peter Gingold. Er ist 90 Jahre alt und ein Zeitzeuge des Faschismus.

Er arbeitete im antifaschistischen Widerstand, den sogenannten »Maquisarden« in Frankreich mit. Maquisarden heißt eigentlich »die im Gebüsch sind«, denn es waren Partisanengruppen. Lebendig schilderte er uns sein Leben und den Widerstand.
Hier kommt Teil 2 des Gesprächs:

Wie gelang es den Faschisten, eine solche Massenbasis gerade unter Jugendlichen zu bekommen?

Peter Gingold: Viele Jugendliche lebten in Armut, die Arbeitslosenhilfe war zu gering. Dann bekommen sie ein Angebot, dass man ihnen kostenlos Uniformen gibt, sie verpflegt werden und Räume bekommen. Die hatten riesige Summen von Konzernen, und boten den Jugendlichen das alles an. Die Menschen waren antikapitalistisch, das beginnt heute auch wieder, dass viele denken, es hat was mit Kapitalismus zu tun.

Die Leute gaben sich sozialistisch, daher haben sie sich den Namen »Nationalsozialisten« gegeben. Sie wollten die Leute gewinnen, die Sehnsucht nach der Veränderung der Gesellschaft  haben. Der Nationalsozialismus gibt sich antikapitalistisch, macht dabei jedoch einen Unterschied zwischen »schaffenden Kapital«, die deutschen Konzerne, und das »raffende Kapital«, die Juden. Sie forderten »Brechen der Zinsknechtschaft «, »Schluss mit dem Versailler Vertrag« und sagten dies sei ein Schandvertrag, weil er vieles einschränkt.

Als ich 13 Jahre alt war, da waren die Nazis eine kleine Splittergruppe, so wie die NPD, die hat auch keine Massenbasis. Dann kam der Zusammenbruch der Banken, der Schwarze Freitag. Das war ihre Stunde.

Der Begriff Faschismus in einen Satz: »Das ist das Bündnis des Großkapitals mit der Barbarei«. Die führenden Politiker wussten schon, was Hitler vorhatte. Es gibt Unterschiede innerhalb der Kapitalisten, es gibt Teile im Kapital, die nicht gerade auf den Faschismus setzen. Am meisten sind die interessiert, die mit Rüstung zu tun haben, Stahlindustrie, Chemie, Schwerindustrie. Der reaktionärste Teil des Großkapitals, die haben auf ihn gesetzt.
Heute machen sie genau dasselbe, nehmen teil an Anti-Hartz-IV-Demonstrationen.
Eine ihrer Scheinlösungen ist, dass sie für alles Elend immer einen Sündenbock anbieten. Wer ist verantwortlich für die Arbeitslosigkeit? Deutschland den Deutschen – Ausländer raus! Das kommt bei vielen an, freier Arbeitsplatz erst für Deutsche, das akzeptieren viele, auch Gewerkschafter und SPDler. Ganz geschickt knüpfen sie an die Sorgen der Leute an. Bieten einfache Lösungen an. Aber wenn ich jemandem erkläre, wie man die Arbeitslosigkeit wirklich beseitigen kann, dann ist das komplizierter. Das ist wichtig, es kann sich wiederholen!

Wie finden sie die Forderung: Verbot aller faschistischen Organisationen?

Peter Gingold: Unbedingt wichtig. Das sind wir unserer Geschichte schuldig. Es ist in der Verfassung, im Artikel 139 im Grundgesetz, verankert. Die Regierung betreibt Verfassungsbruch, machen sie wählbar, und lassen sie aufmarschieren. Artikel 139 ist wegen der Erfahrung eingeführt worden, dafür haben Antifaschisten gekämpft. Das Gesetz ist nicht aufgehoben. Es gibt das Argument, dass wir mit dem Verbot das Problem nicht lösen und sie erst recht in der Illegalität noch wichtiger werden. Besser, wir lassen sie zu und können uns auseinandersetzen.

Ich sage, dass mit dem Verbot das Problem nicht aus der Welt ist. Was in den Köpfen steckt, ist dann nicht gelöst. Aber mit dem Verbot wird ein Signal gegeben, dass sie nicht zur Normalität unserer Gesellschaft gehören. Wäre die NSDAP damals verboten worden, wäre es ihnen nie möglich gewesen, eine Massenbasis zu bekommen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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