Published on Juli 25th, 2006 | by Esitileti296

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Ein Interview mit Jule, 14 Jahre, Schülerin aus Freiburg…


…Aktiv gegen den Verkauf der städtischen Wohnungen

In Freiburg hängen zur Zeit aus vielen Fenstern Transparente, auf denen eine durchgestrichene Heuschrecke zu sehen ist. Was hat das zu bedeuten?

Jule: Ich wohne mit meiner Familie im Stadtteil Zähringen, in einer Wohnung, die der Stadt Freiburg gehört. Vor wenigen Monaten hat der Oberbürgermeister Dr. Dieter Salomon angekündigt, dass er sämtliche städtischen Wohnungen verkaufen will. In diesen Wohnungen leben Leute, die sich die hohen Mieten auf dem »freien Wohnungsmarkt« nicht leisten können. Die Heuschrecken sollen die privaten Investoren symbolisieren, die die Wohnungen kaufen wollen. Heuschrecken sind gierig, und die Investoren sind Kapitalisten, die mit den Wohnungen Profit machen wollen. Sie würden es den Mietern sicher sehr schwer machen, indem sie z.B. die Mieten erhöhen oder die Wohnungen vernachlässigen.


Du trägst ein Schild, auf dem steht, dass du notfalls beim Oberbürgermeister Salomon einziehen würdest. Ist das Ernst gemeint?

Jule: Eher nicht. Das Schild soll Aufmerksamkeit erregen. Aber es steckt auch ein Stück Wahrheit darin: Wenn die Wohnungen verkauft werden, wird es schwierig für uns, eine passende Wohnungen zu finden.

Der Bürgermeister sagt aber, er müsse die Wohnungen verkaufen, weil kein Geld da ist und die Stadt mit dem Verkauf ihre Schulden loswerden will.

Jule: Ich finde es wichtig zu überlegen, warum kein Geld da ist – nicht, wie man schnell neues herbekommt. Es wurde in den letzten Jahren Geld für die falschen Sachen ausgegeben, zum Beispiel für den Bau der Neuen Messe. Meine Schule, das Droste-Hülshoff-Gymnasium, ist dagegen jahrelang
nicht renoviert worden, es ist ein trister Bau, in dem man sich nicht wohl fühlt. Durch die städtischen Wohnungen erhält die Stadt regelmäßig
Mieteinnahmen – die würden bei einem Verkauf wegfallen. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Stadt das Geld, dass sie bei einem Verkauf
bekommt, sofort wieder ausgibt – dann hat sie noch mehr Schulden.

Wie kann der Wohnungsverkauf denn verhindert werden?

Jule: Indem alle, die davon betroffen sind, sich zusammentun und protestieren. Es hat sich inzwischen eine Bürgerinitiative »Wohnen ist Menschenrecht« gegründet. Es gab eine Demonstration mit über 1000 Leuten vor dem Freiburger Rathaus, als sich Salomon mit den Stadträten über den Verkauf unterhalten hat. Und am 1. Juli haben wir einen Sternmarsch gemacht: aus allen Stadtteilen, die von dem Verkauf betroffen sind, haben sich Demonstrationszüge in die Innenstadt in Bewegung gesetzt. Dort haben wir uns dann alle zu einer Kundgebung mit über 2000 Menschen getroffen.

In den Hauseingängen liegen auch Unterschriftenlisten für einen »Bürgerentscheid« aus. Was ist das?

Jule: Bis 23. Juni haben 23.400 Freiburger gegen den Wohnungsverkauf unterschrieben. Bei 15.000 muss die Stadt eine Abstimmung organisieren: Wenn 36.000 Bürger dagegen stimmen, dürfen die Wohnungen nicht verkauft werden. Wenn also jeder, der bis jetzt unterschrieben hat, noch eine Person überzeugt, haben wir gewonnen.

Seit die Proteste gegen den Verkauf angefangen haben, kommst du mit deinem Schild auf die Montagsdemo. Das ist doch eigentlich eine Bewegung gegen Hartz IV?

Jule: Die Montagsdemos haben wegen Hartz IV begonnen, aber sie kümmern sich auch um andere Dinge. Außerdem besteht ein Zusammenhang zwischen dem Verkauf und der Einführung von Arbeitslosengeld II: Beides bedeutet Sozialkahlschlag.

Sind viele Jugendliche gegen den Wohnungsverkauf aktiv?

Jule: An den Demos nehmen einige Kinder teil, die mit ihren Eltern da sind – Jugendliche kommen sehr selten. Meine Freundinnen habe ich noch nicht versucht zu überzeugen, weil sie von dem Verkauf nicht betroffen sind. Aber letzten Endes geht es auch sie etwas an – womöglich finden sie auch keine günstige Wohnung, wenn sie erwachsen sind. Außerdem dürfen wir nicht nur protestieren, wenn wir selbst betroffen sind, sondern
müssen auch an unsere Mitmenschen denken.

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