Published on Juli 25th, 2006 | by Esitileti296

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Die Welt zu Gast bei Antifaschisten

Am Samstag, den 10. Juni gingen 5.000 Menschen gegen einen faschistischen Aufmarsch auf die Straße. Stolz machten sie der Weltöffentlichkeit deutlich – die Nazis haben in Gelsenkirchen und auch sonst in Deutschland nichts zu suchen. Aus diesem Anlass haben wir ein Interview mit Rebellen aus Gelsenkirchen durchgeführt.


Hallo! Ihr habt ja in der letzten Zeit sehr wichtige Erfahrungen mit dem antifaschistischen Kampf gemacht. Es gab viele Aktivitäten mit dem Höhepunkt, dass am 10. Juni 5.000 Menschen gegen einen NPD-Aufmarsch in Gelsenkirchen auf der Straße waren. Wie kam das zustande?

Diana, 15 Jahre, Schülerin: Ich denke, dass so viele Menschen auf der Straße protestierten, weil sich viele persönlich von der NPD angegriffen fühlten. Das lag natürlich aber auch daran, weil wir unermüdlich Menschen mobilisierten, Demos gegen die Stände der Faschos organisierten und ein Bündnis, welches sich regelmäßig traf, initiierten.

Emre, 15 Jahre, Schüler: Als zwei Wochen vorher die Faschisten mit ihrem Stand in Gelsenkirchen aufgetaucht sind, war die Empörung riesengroß. Viele Bürger forderten das Verbot der Demonstration. Doch wie bekannt, wurde sie genehmigt. Da haben sich die Leute gewehrt und gezeigt, dass Gelsenkirchen kein Bock auf Nazis hat.

Marie, 15 Jahre, Schülerin: Es war so, dass sich drei Bündnisse gebildet haben. Wir arbeiteten im Bündnis »Die Welt zu Gast bei Antifaschisten« mit. Gemeinsam haben wir eine große Demo mit Kundgebung und parallel einem Straßenfest organisiert. Wir trugen ein Transparent, verteilten das Flugblatt und waren aktiv bei den Gegenaktionen vor den NPD Ständen. Unsere Rotfüchse malten T-Shirts gegen die Faschisten, mobilisierten in der Gesamtschule Horst, sammelten Unterschriften gegen die Demo…. Leider war ein gleichberechtigtes und gemeinsames Vorgehen mit den anderen beiden Bündnissen nicht möglich, weil einige daraus ganz schön aggressiv auftraten. Sie waren nicht an einer Zusammenarbeit interessiert. Das ist schade, weil gegen die Faschisten müssen wir uns breit zusammenschließen. Was ist der Hintergrund für das Auftreten der NPD?

Emre: Der Hintergrund ist oder war sicherlich, dass hier tagszuvor das Polenspiel stattfand. Und natürlich, weil hier so viele Menschen mit anderer Herkunft, mit den Deutschen friedlich seit Jahrzehnten zusammenleben. Das war der NPD ein Dorn im Auge und sie hat versucht, dass zu spalten. Doch es hat überhaupt nicht geklappt, denn Deutsche und Ausländer waren gemeinsam gegen die Nazis auf der Straße.

Marie: Ich denke, die NPD hat sich auch bewusst Gelsenkirchen ausgesucht, weil hier linke Kräfte sehr stark sind. Hier ist ja auch die Geschäftsstelle vom REBELL und das Zentralkomitee der MLPD. Es findet jeden Montag eine große Montagsdemonstration statt, mit 70 bis 100 Leuten. In Gelsenkirchen leben vor allem Arbeiter. Es gab hier schon große Arbeiterkämpfe. Deswegen ist es ein Hammer, dass solche Leute, wie die NPD eine Losung hat: »Arbeit für Millionen, statt Profite für Millionäre«. Als würden die Nazis für die Rechte der Arbeiter einstehen.

Das Bündnis bei dem ihr mitgemacht habt, »Die Welt zu Gast bei Antifaschisten «, hat den aktiven Widerstand gegen die Faschisten organisiert und sehr viel Wert gelegt, über die Faschisten, ihre Hintergründe und ihre Methoden aufzuklären. Wie sah das aus und was fandet ihr besonders wichtig bzw. habt ihr dabei gelernt?

Diana: Wir haben die Menschen konkret auf der Straße darauf angesprochen und es sofort auf den Punkt gebracht. Manche ließen sich auch von deren Namen – »Nationaldemokraten« – verwirren. Zudem war es recht schwierig, denn als ich Unterschriften sammelte oder Flyer verteilte, gab es Leute, die sagten »Unterschreiben sie nicht. Das sind Kommunisten. « Auch mischten sie sich einfach in die Gespräche von mir mit den anderen Passanten ein oder beschimpften mich und andere als »Mörder«. Dann erklärte ich den Menschen einfach, dass das eine überparteiliche Aktion ist, sprich dass wir uns zusammenschließen über Parteigrenzen hinweg. Ich klärte sie auch über die Absichten der NPD auf. Manchmal gab es auch Kommunikationsschwierigkeiten, allerdings waren diese behoben, als ich sagte, dass die NPD ausländerfeindlich ist.

Emre: Ich fand es wichtig, nicht wie die Autonomen einfach wild drauf zu boxen. Obwohl ich Anfangs auch von dieser Methode überzeugt war, aber was nützt uns das, 10 Faschisten zu boxen. Dann heißt es »die Linken sind genauso, wie die Rechten«, und das wäre echt nicht gut.

Marie: Erst mal war es wichtig, auf den Bündnistreffen zu besprechen, dass die Nazis nicht vor allem gegen die Migranten sind. Dass das nicht der einzige Grund ist, warum die NPD hier in Gelsenkirchen auftritt. Sondern, dass sie vor allem sich gegen die Arbeiter richten. Im Faschismus haben sie als erstes die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) verboten und dann die Gewerkschaften. In den Konzentrationslagern waren als erstes Kommunisten. Wichtig war auch in dem Zusammenhang, das die NPD versucht durch Lügen und Demagogie versucht die Leute auf ihrer Seite zu ziehen. Und es war wichtig, mit den Leuten auf der Straße zu diskutieren, damit die Faschos isoliert werden und keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen.

Viele Jugendliche waren bei den Protesten dabei. Wie wurde das in den Schulen besprochen und wie habt ihr selber dafür geworben? Was musste dazu geklärt werden?

Diana: Bei uns wurde das Thema überhaupt nicht besprochen, bis ich meine Mitschüler nach Unterschriften fragte und ihnen Flyer gab. Zwar wurde ich deswegen auch ausgelacht oder belächelt, allerdings fanden sich dann auch einige, die sofort unterschrieben und selber aktiv wurden. Es gibt auch Lehrer an der Schule, die gegen die Faschisten sind und auch ihre Schüler aufklären, zum Beispiel über die Brandanschläge in Rostock. Viele von den Schülern waren aber auch schlecht über die Forderungen der Faschisten aufgeklärt. Auch wussten viele nicht, dass in den letzten 10 Jahren 138 Menschen (und vermutlich noch mehr) den Faschisten zu Opfer gefallen sind. Was ich als Aufklärungsmaterial auch benutzt habe, war die »Kein Bock auf Nazis«-DVD, da dort sehr viel über die Menschen, die dort eintreten und ihre Gründe dafür gesagt wird.

Emre: Erstmal musste geklärt werden, dass es nicht sinnvoll ist einfach wegzuschauen, sondern aktiv was dagegen zu unternehmen.

Marie: Ich habe das in unserer Schülervertretung angesprochen, und vorgeschlagen uns an der Demo zu beteiligen. Von einer aus der Oberstufe kam »Ich find die NPD zwar Scheiße, aber wir leben in einer Demokratie und hier kann jeder seine Meinung sagen«. Da haben wir mit ihr diskutiert, dass Faschismus keine Meinung, sondern ein Verbrechen ist. Und dass die etwas vertreten, das jede andere Meinung brutal unterdrückt. Sie verstoßen auch gegen das Grundgesetz, nur wird das immer verweichlicht und vertuscht. Viele andere meinten, »Boah Alter, ich verklopp die«. Das haben wir auch besprochen. Zum einen haben wir nichts davon, uns auf dieses Niveau herunter zu begeben und zum anderen kommt nichts raus, wenn wir einen Faschisten verkloppen. In der Zeit gewinnt ein anderer Fascho einen Neuen, der auf die Lügen rein fällt.

Was nehmt ihr euch jetzt weiter vor, um den antifaschistischen Kampf zu organisieren? An den Schulen? Im Jugendzentrum »CHE«? Welche Forderungen hat der REBELL und was macht ihr dazu?

Diana: Bisher haben wir es an der Schule organisiert. Ich hoffe, dass ich das noch weiter verändern kann…

Marie: Es muss auf jeden Fall eine breite Aufklärungsarbeit in den Schulen gemacht werden, da dass gar nicht richtig im Unterricht besprochen wird. Man könnte mit der Schülervertretung ein Projekt dazu starten. Und das Jugendzentrum CHE muss auch noch viel mehr dazu genutzt werden. Dort sind ziemlich gute Veranstaltungen, es fehlen nur noch die Besucher. Dazu muss noch mehr Werbung gemacht werden. Und ich finde an der Demo von der NPD sieht man, dass der REBELL Gelsenkirchen noch zu wenig Arbeit dazu macht. Unsere Forderung ist ja »Verbot aller faschistischen Organisationen und ihrer Propaganda«.

Vielen Dank für das Interview.

 

Eine Dokumentation des Bündnisses könnt ihr unter www.die-welt-zu-gast-bei-antifaschisten.de herunterladen.

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